laurareinkens

Fußball.

Hold Me Closer, Tiny Dancer – Das Parship-Experiment

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Ich bin Single und finde das eigentlich ziemlich dufte. Mein Bett, meine Serie, mein Kühlschrank, meine Dachterrasse und du darfst gerne mal zu Besuch kommen, mitmachen und wieder gehen. Ich habe drei Auftraggeber, fast jeden Abend in der Woche irgendwas vor und mache alles zwischen Westend und Prenzlauer Berg unsicher.

Ich bin 30 Jahre und 8 Monate alt und nicht zerknirscht.

Berlin lebt von Singles und Singles leben von Berlin. Die Stadt treibt uns zusammen in Banden von Gleichgesinnten, die abends durch die Bars streifen, Kette rauchen, Weinflaschen leeren und sich Geschichten aus dem Eheleben der Freunde erzählen lassen. Geschichten aus 1001 Nacht, Geschichten wie aus Hollywood. Unser Blick wandert, erspäht jemanden an der Bar. Kieksen.

Stephanie. Stephanie ist eine schöne Frau im besten Alter, potzblitz gescheit und erfolgreiche Agentur-Inhaberin, Weltenbummlerin mit einem Lebenslauf, gegen den meiner nach Kindergeburtstag aussieht.

Und mein Lebenslauf ist sexy.

Diese wunderbare Frau erzählt mir von ihrem Vorhaben: „Ich will parshippen.“ Bei Parship lerne man echte Singles kennen, bei Elite Partner nur Schmand. Aha. Das alles klingt um 23 Uhr nach zwei Flaschen Wein völlig plausibel, ich frage nicht nach Quellen. Dann mache ich eben mit. Ich bin Single, finde neue Menschen aufregend und im Bestfall liegt das Ergebnis zwischen Knutschen und Bekannten. Neuem Netzwerk! Der Job fummelt mit.

Wie man mich so kennt, habe ich dieses Thema ein paar Tage geschoben, weil ich gut darin bin, ansatzlos für Kunden zu formulieren, und schlecht darin bin, auf Knopfdruck einen Anmeldeprozess mit Ausmaß einer Elefantenschwangerschaft über mich ergehen zu lassen.

Nachdem ich mich also entschieden habe, ob ich mich lieber ausruhe in meiner Freizeit, ins Kino gehe oder TV gucke, was mein Lebensmotto ist und ob ich ein Morgenmuffel bin, ist mir bereits klar, dass mein Traumprinz dort nicht auf mich warten wird.

Einwurf: Warum heißt es eigentlich nicht Traumkönig? Wer will schon Harry abbekommen, der entweder nackt oder in Nazi-Uniform auffällt? Könige regieren. Könige haben keine Zeit, ihr Schicksal vom Parship-Prinzip abhängig zu machen. Ich will einen König.

Zunächst einmal werden mir alle Kinder Berlins eingespielt. 28. 29. Mit viel Glück 31. Alles keine Könige. Irgendwo die Sucheinstellungen gefunden und hochgeschraubt.

Dann ist der Spaß vorbei.

Sie sind Mitte Vierzig plus. Sie suchen jetzt, weil die Chancen nicht besser werden und sie sich gerade teuer haben scheiden lassen. Haben zwei Kinder im anstrengenden Alter und können wegen ihres Jobs am Tag nur 10 Minuten aufbringen, um bei Parship nachzuschauen, ob die Traumfrau gerade über ihr Profil gehuscht ist und ihnen ein „Lächeln“ geschickt hat. Bei Facebook haben wir uns vor 100 Jahren Schafe zugeschmissen. Das war irgendwie ehrlicher.

Ich nehme also mal Kontakt auf – so bin ich es aus sozialen Netzwerken gewohnt, die nicht auf Eheglück abzielen. Ich schreibe wild Menschen an, um zu sehen, was man da so für Antworten bekommt. Dabei dudelt sogar Elton John im Ohr. Man muss sich ja auch darauf einlassen. Ich habe wenig königliche Antworten erhalten, nicht annähernd royal. Ohne lustiges Vorspiel oder sprachliche Verschleierung wollen sie Liebe und ihr Glück finden. Kommen mit einem flotten Scherz nicht klar, weil er Unsicherheit bedeutet auf der Suche nach Pyjamas mit zueinander passendem Muster.

Mit einem dieser Männer habe ich bisher WhatsApp-Nachrichten ausgetauscht. Es ist erst gar nicht zum Treffen gekommen, weil er nicht dazu in der Lage war, mich in einer Bar, die er nicht kannte, zu treffen. Er wollte mich zu Hause abholen. Mit dem Auto. Verstand nicht, warum ich das konsequent und rundheraus abgelehnt habe. Wurde ungehobelt.

Wie soll dieser Mann jemals eine Frau kennenlernen? Hoffentlich direkt in einer ihm bekannten Bar, dann ist wenigstens diese Hürde genommen. Das fehlende Benehmen bleibt, aber die Berliner Single-Frau an sich ist ja eine stramme Trinkerin.

Ich gebe mir und dem Parship-Prinzip noch genau eine Woche. Dann verschwinde ich wieder in die Berliner Nacht und darf wieder sarkastisch sein, weil ich nicht fürchten muss, einen Unbekannten am anderen Ende zum Weinen zu bringen. Gemeinsame Wochenenden zu planen, ist der zweite Schritt. Ein Gin&Tonic sollte der erste sein. Ich möchte flirten. Kieksen. Schnell im Spiegel checken, ob der Lippenstift verschmiert ist.  Ihn danach verschmieren.

Wann haben die beschriebenen Parshipper all das aufgegeben? Wann hat jeder einzelne Mitspieler den Punkt überschritten, an dem er sagte: „Herr Frodo, so weit war ich noch nie weg von zu Hause“? Meinem zukünftigen zu Hause. Meinem Leben, wie ich es mir mal erträumt habe. Wann gingen Spiel, Jagd und Humor verloren? Ab wann kann man sich nicht mehr ungezwungen auf einen Drink treffen, ohne sich vorher einander und den Pärchen-Pyjamas versprochen zu haben?

Vielleicht habe ich ja jetzt als Neuangemeldete auch einfach genau die zugespielt bekommen, die seit Jahren brav ihren Kundenbeitrag zahlen und hoffen. Da ich seit einiger Zeit nichts mehr von Stephanie gehört habe und die letzte Nachricht „Morgen Date. Erzähle später.“ war, kann es für andere Menschen ja klappen und ich persönlich bin einfach nicht Teil der Zielgruppe.

Ich hoffe für fast alle, mit denen ich dort Nachrichten ausgetauscht habe, dass sie jemanden finden, der oder die ihnen neben dem Pyjama auch noch ein zweites Paar Puschen hinstellt, nach dem ersten Date eine Schublade freimacht. Hoffentlich müssen die Suchenden ihre auf Diamantenhärte kristallisierte Erwartungshaltung nicht mehr in gesichtslosen Single-Plattformen preisgeben. Hoffentlich sitzt morgen jemand in der Bahn und lächelt sie in echt an.

Vielleicht sollten sie auch einfach im Umfeld schauen. Jeder von uns hat zwei oder drei Kandidaten und Kandidatinnen im Bekanntenkreis, die immer zwischen „heiß“ und „Vertraue ich mein Twitter-Passwort an“ schwimmen. Teilweise seit Jahren. Vielleicht sollten wir ihnen einfach mal ein Lächeln schenken.

Nein, ich meine nicht den Kamke.

Written by laurareinkens

März 21, 2016 at 3:26 pm

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Falsche Schubladen in Berlin

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Oder: Hulk hat einen Po.

„Guten Morgen! Ach, Sie sind es. Schön, dass wir mal wieder miteinander fahren“, begrüßte mich die Taxifahrerin um kurz vor 10. „Wieder Charlottenburg?“ Ja. Wieder Charlottenburg. Warum ich eigentlich nicht mehr bei dem großen Verlag arbeite, wollte sie wissen. Ich hatte keinerlei Interesse an Details und sagte nur, dass ich jetzt bei einem tollen Startup tätig sein dürfe.

Wir drehten unsere Runde um den Theodor-Heuss-Platz. Sie starrte auf die nasse Straße, ich auf die Sonne in den Blättern und die gleichmütig schlurfenden Senioren vorm Kaiser’s. „Sie wollen über die Kantstraße fahren, richtig?“ Richtig. Danke.

„Wissen Sie eigentlich, dass ich Sie zu Hause immer zitiere?“ Die Fahrerin schaute in den Rückspiegel. Verdattert blickte ich zurück und versuchte die gemeinsamen Gespräche bei unseren zwei Fahrten im Sommer und einer sprachlosen Kurzstrecke vor einigen Wochen – mehr fielen mir nicht ein – thematisch einzuordnen. Fußball? Sekt? Ben Stiller vs Steve Carell? Zu welchen Themen sollte man mich denn überhaupt zitieren?

„Sie wissen ja, meine Tochter… Jetzt studiert sie nicht mehr Latein, jetzt studiert sie Religion und Kunst. Aber die Unterhaltungen mit Ihnen haben mir gezeigt, dass Themen, die einen bewegen, viel wichtiger sind, als bloß auf Karriere zu gehen. Und Sie scheinen mir ja auch sehr erfolgreich zu sein“, erklärte die Dame, deren Name mir leider nicht geläufig ist. Also… Fußball? Sekt? Ich war aufgeschmissen. Erfolgreich? Bezeichnet sich wirklich irgendjemand so? Zlatan Ibrahimovic vielleicht.

„Nunja“, setzte ich an und errechnete kurz, dass wir keine fünf Minuten Fahrt mehr vor uns hatten. „Kunst und Theologie sind zwei wunderbare Studienfächer. Beide bieten die Auseinandersetzung mit dem Selbst und seinem Platz in der Welt. Ich für meinen Teil habe ja Religionswissenschaft studiert und diesen Weg der Theologen beobachtet. Wenn sich Ihre Tochter damit wohlfühlt, ist das doch ganz große Klasse.“

Schweigen. Was habe ich getan? Wer ist diese Tochter, irgendwas Anfang 20, die sich beim abendlichen Tomatenbrot Geschichten einer Unbekannten anhören muss? Was projiziert diese Taxifahrerin auf mich? In jedem Fall schien sie froh, dass wir darüber gesprochen hatten. Vergnügt bog sie in die Straße zu meinem Arbeitsplatz ein.

Ich gab ihr angemessenes Trinkgeld, sie lächelte. „Dann hoffentlich auf bald“, flötete sie mir hinterher. „Viele Grüße an Ihre Tochter“, verabschiedete ich mich. Auch wenn sie mir gerade indirekt ein großes Kompliment gemacht hatte, was so gar nicht in diese Stadt passt und nicht zwischen Fremden in dieser Stadt gängig ausgetauscht wird, war mir die Sache nicht geheuer.

Ich hätte ihr erzählen können, dass ich gerade auch ein paar Sachen mit mir herumschleppe. Dass ein Blick auf mich nicht reicht, um mich zu erklären. Dass ein oder zwei Gespräche mit mir nicht genügen, um den Lebensweg einer mir fremden Tochter zu billigen.

Aber diese Mutter braucht mich als Instrument für die Sorge um ihre Tochter. Das soll es wert sein, mich in eine nicht ganz korrekte Schublade zu stecken.

Wir haben keine Zeit für die korrekte Schublade.

Wir haben keine Zeit, mit Michael über die Abbildbarkeit des Pos von Hulk zu sprechen. Wir haben keine Zeit für das eine Telefonat, das das Herz entspannen könnte. Wir haben doch nicht einmal Zeit für die ganzen Pfandflaschen im Flur.

So schaffen wir uns unsere Bilder, die uns weiterrennen lassen. Abgehakt, weiter im Text. Ein Fahrgast reicht.

Unsere Töchter werden einmal erfolgreich sein.

Hulk hat einen Po.

Irgendwann werde ich diese Nummer wählen.

Written by laurareinkens

Februar 24, 2015 at 11:41 am

Aus den Fugen geraten? Bunte Schuhe allez!

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Axel, @lostinnippes oder auch dervierteoffizielle.de veröffentlichte gestern seinen sehr gelungenen Artikel „Aus den Fugen geraten“ zum Wahnsinn, der inzwischen nicht mehr nur bei Transfers im heutigen Fußball besteht. Ich lese vielerlei Zeichen ähnlich wie er, möchte allerdings noch in wenigen Punkten andere Perspektiven anbieten. Grundthese: Die Gründe für diesen Wahnsinn sind stärker als die Fußballromantik. Der Prozess ist nicht mehr zu stoppen.

In der Diskussion über Axels Artikel mit anderen Fußballfans fiel immer wieder die Annahme auf, dass alle Summen steigen, weil auch grundsätzlich viel mehr Geld in das Geschäft Sport fließt. Wie teuer sind Trikots inzwischen? Wo zahle ich was für mein Ticket? Das alles sind Peanuts im Vergleich zu Sponsoren-Verträgen und TV-Geldern. Solange mehr Geld fließen wird, werden auch Preise für einzelne Produkte innerhalb des Sports weiter steigen.

Cardiff City hat für die letzte Saison mehr als 76 Millionen an TV-Geldern bekommen. Das ist das Doppelte von dem, was Bayern München bekommen hat. Stelle man sich mal vor. Kommt es uns zu viel vor? Ja. Hätten Liverpool und Manchester City in Spanien für ihre Ligaspiele durch das Anteil-System sogar noch 100 Millionen mehr bekommen? Ja. Das alles kann man verwerflich finden, aufzuhalten ist dieser Prozess allerdings nicht.

Axel forderte, dass die Tickets in europäischen Topligen wieder günstiger werden sollen. Zunächst einmal stimmt man zu, doch welche Auswirkungen hätte dies? Dennis R. aus B. hat – leider nur mündlich – folgende Rechnung zur Diskussion beigetragen: Serie A-Klub, CL-Teilnehmer, Dauerkarten für 2.000 Euro das Stück viertelt die Preise. Würden sie unter allen Umständen viermal so viele Tickets verkaufen? Der Zuschauerschnitt in der Serie A liegt bei knapp mehr als 23.000. In Deutschland, die 1. Bundesliga belegt den ersten Platz des Rankings, liegt dieser bei plus 43.000. Eine Vervierfachung scheint bei diesen Zahlen nicht realistisch. Warum sollten die Klubs dann das Geld aufgeben?

Wir hätten unseren Müttern und Vätern in den 70ern mal erzählen müssen, dass ein langer, treffsicherer Stoßstürmer mal für 32 Millionen zu den Bayern wechseln würde. Mehr als ein Vögelchen hätten wir nicht geerntet. Wo setzen wir also an? Ab wann war das System dem Bauchgefühl nach falsch? Bei Schieber, der für über vier Millionen wechselte? Bei den Zweitliga-Keepern, die fast eine Million im Jahr kassieren? Die Ablösesummen haben sich seit jeher gesteigert. Der letzte Sprung führte eben von Javi Martinez zu Luis Suarez.

Was passiert, wenn Real Madrid diesen Sommer noch Angel Di Maria und Sami Khedira verkaufen sollte? Sie gleichen ihre Transferbilanz zu 14/15 gegen null aus.
Aktuell haben sie zusammen 110 Millionen für Toni Kroos und James Rodriguez bezahlt. 28,5 Millionen haben sie durch Verkäufe bereits eingenommen. Für einen amtierenden Weltmeister wie Khedira kann man 30+ Millionen inzwischen rechnen. Auch Di Maria dürfte sich letzte Saison ganz oben auf die Listen der Top Clubs gespielt haben, bei Real könnte aber genauso die Bank winken. Diese Transfers sind absolut im Rahmen des Möglichen. Und dann? Lupenreines Financial Fair Play. Kiekste ma.

Zu den bunten Schuhen habe ich nichts zu sagen. Schön ist anders, aber wenn man sich die Berliner Jugend so anschaut, läuft auch hier jeder Zweite inzwischen mit den quietschbunten FlyKnits von Nike rum. Unsere Schuhe sind nicht schwarz, meine jetzt gerade Tomaten-Rot. Wollen wir es aus konservativen Fußballwerten den Profis verbieten? Warum denn. Aber hübsch sind die meisten von ihnen nicht, das stimmt natürlich.

Written by laurareinkens

Juli 24, 2014 at 4:17 pm

Luis Suarez: Da oben und nirgendwo sonst.

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Selten hat der anstehende Wechsel eines Spielers mich so bewegt wie der von Luis Suarez, der allem Anschein nach den Liverpool FC noch in diesem Sommer verlassen wird. Unzählige durchsichtige und undurchsichtige Quellen wollen wissen, dass der FC Barcelona bereit ist, 30 Millionen plus Alexis Sanchez zu bieten.

Alexis Sanchez. Der wird den Reds keinen „Negro“-Skandal, weniger Schwalbenkunstsprünge und erst recht keine gekonnt gesetzten Bisse in die Schultern, Arme, sonstigen Gliedmaßen der Gegner bieten. Ist das nicht zu langweilig? Schmoll-Torres und eben der große Luis Suarez haben in puncto Entertainment den LFC ziemlich weit nach vorn gebracht. Wir haben beide geliebt und gehasst, geschimpft und heimlich gekichert, wenn Suarez wieder einen Freistoß gezogen hat.

Sanchez wird keine 30+ Tore in der Saison schießen. Kein Spieler wird das in den nächsten Jahren bei Liverpool tun. Die 30+-Spieler sind da oben mit den Cristianos und Messis, nicht hier unten bei den Hendersons, Allens und seit neuestem Lallanas. Das passiert einmal im Jahrzehnt – wenn überhaupt.

Wie wird also in die nächste Champions-League-Saison gestartet? Wird es Sturridge richten? Könnte es Sanchez, falls er verpflichtet wird? Diese Fragen sind aktuell nicht zu beantworten. Noch ist der Kader nicht fertig, die Vorlagengeber noch nicht zur Gänze benannt.

Luis Suarez ist aktuell einer der besten Offensivspieler der Welt. Sein Einfluss auf den wiedergewonnen Erfolg von Liverpool würde ich beinahe so hoch einschätzen wie den von Brendan Rodgers. Rodgers hat es geschafft, nach Kenny wieder Struktur in den Kader, den Verein und die Spielweise zu bringen. Suarez hat ihm die Tore geschossen. Ein Traumpaar mit gelegentlichen Zickereien, wie es in allen stürmischen Beziehungen der Fall ist.

Jetzt verlässt Suarez das Team und Rodgers. Wofür? Um da oben mit den anderen zu spielen. Da oben, wo er nicht um die Teilnahme an der Königsklasse kämpft, sondern um den Titel. Da oben, wo er zukünftig mit Iniesta und Messi aufläuft. Da oben, wo das ganze Camp Nou seinen Namen schreit, während über Barcelona die Sonne untergeht. Da oben gehört er hin. Nicht in die kalte, regnerische Novembernacht in Stoke oder sonstwo.

Zum Abschied wird er dem Liverpool Football Club eine vereinsinterne Rekord-Ablösesumme schenken. Im Prinzip schenkte er Liverpool schon die gesamte letzte Saison. Locker hätte er letzten Sommer zu Ibra nach Paris gehen können. Aber er entschied sich für Liverpool und – so ehrlich müssen wir sein – wahrscheinlich eine saftige Gehaltserhöhung.

Also vielen Dank dafür, Luis. Vielen Dank für die Aufopferung auf dem Feld, diese Masse an Toren und fast genauso vielen Vorlagen (!) noch dazu. Vielen Dank für internationalen Glanz zwischen Flanagan und den anderen Schiefgrinsern. Für die Zukunft wünsche ich Dir mehr Unterstützung, was die Kanalisierung Deiner Emotionen auf dem Feld betrifft, mehr Gelassenheit und Ruhe.

Da oben gehörst Du hin.

Written by laurareinkens

Juli 2, 2014 at 12:37 pm

Döner in Kreuzberg am Meer

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„Mit Soße?“, fragte der Dönerverkäufer gestresst. Er sprach es aus, wie viele Menschen es leider auch schreiben: hart, unästhetisch, mit o und ß. „Kräuter und scharf, bitte“, antwortete ich und wunderte mich noch, wo genau der Stress herkam. Mutterseelenallein stand ich vor seiner Theke und stellte mir meinen Dönergiganten zusammen. „Knoblauchsoße?“ – „Nein, nur Kräutersauce und scharfe Sauce. Besten Dank.“

Die Löffel schmierten das Bestellte auf das getoastete Fladenbrot. Ich hielt meinen rubinroten Multisaft in sagenhafter Erwartung eng umklammert. Fleisch wurde ins Brot geschaufelt. Mit der Hand geschnitten, nicht mit dieser fürchterlichen kleinen elektrischen Säge, die dem zermalmten Tier am Spieß die letzte Würde raubt. „Salat?“ War er mürrisch? Oder erinnerte er sich an das letzte Mal, als der Döner kaum noch zu fassen war wegen all meiner Extrawünsche?

„Ja, bitte. Salat, Rotkohl, Zwiebeln, Tomate und Gurken.“ Kurz wartete ich, beobachtete, ob er auch großzügig mit den Tomaten war, dann schob ich hinterher: „Und Mais und Paprika und Schafskäse, bitte.“ Ein Seufzer entwich dem Herrn hinter der Theke. Er hatte sich wahrscheinlich wirklich an mich erinnert und fragte sich nun, wo er all das unterbringen solle. Mir war’s schnuppe, ganz ehrlich.

Mit beiden Händen das Dönermonstrum umklammernd, Multisaft in der Jackentasche, lief ich mampfend die Reichenberger runter. Blieb beim Edeka stehen und schaute mir die Plakate an, die ambitionierte Menschen dort immer wieder anbringen. Mit welch einem unerbittlichen Willen sie Jahr ein, Jahr aus zur Revolution aufrufen. „Be prepared!“ steht da. Und „Free XY“ – irgendeiner sitzt ja immer gerade ein. Dann und dann ist „Bullendemo“ da und da und „Mieten runter, ihr Schweine!“ Kinder, da habe ich nix mit zu tun. Und den Vermietern geht es höchtwahrscheinlich so wie mir im Dönerladen. Ich kann mir all das bestellen, dann tue ich es auch. Wie der Herr es ins Brot kriegt, interessiert mich nicht. Aber diese Plakate draußen am Edeka Scholz wird er wohl nicht lesen, euer Vermieter. Aber ist ja richtig, irgendeiner muss ja was sagen, sonst wird aus Kreuzberg am Meer ein weiteres Prenzlberger Blödi-Schwippschwapp mit Sojasahnehäubchen.

Ich schaute mir das kleine Häufchen Dönersachen an, das ich während des Studierens verloren hatte, und setzte meinen Weg fort. Am Arm baumelte die Apothekentüte. Die Angestellten in der Apotheke müssen mich lieben. Ich bin wahrscheinlich die eine von zwanzig Kunden/-innen, die nicht Augentropfen bestellt. Warum eröffnet man eine Apotheke direkt am Görlitzer Park? Ich möchte beim Eintreten immer laut schreien: „Bitte bedienen Sie mich ernsthaft, ich kiffe nicht und habe kein Interesse an Ihren Augentropfen.“

Wirklich gut gelaunt sind die Fachapotheker auch selten und propfen immer alle Einkäufe in diese kleinen, fludderigen Tütchen, die weder ausreichend verbergen, was man gerade gekauft hat, noch wirklich Halt bieten. Hallo Welt, ja, richtig, ich habe Regelschmerzen. Hallo Welt, nein, ihr macht euch kein Bild, wofür ich diese Salbe jetzt brauche. Mit Aspirin und Nebenhöhlenquatsch schockiert man ja niemanden mehr heutzutage, also konnte es mir egal sein und mein Döner und ich steuerten zurück in Richtung Heimat.

Man sagt, dass in Cheeseburgern der Marke mit dem großen M Süchtigmacher seien, die einem genug Heißhunger machen, dass man direkt den nächsten hinterher essen will. Diese Menschen haben scheinbar noch nie einen Döner von Siribom auf der Reichenberger gegessen. Kinder, ich sage euch, was Besseres gibt es nicht. Mit Finger ablecken und allem – aber nur, wenn keiner hinguckt.

Dieser Eintrag ist Stefan aus Dortmund gewidmet, der sich gestern einen Döner von mir wünschte, den ich danach kaufen ging und ganz allein aufaß, weswegen er mich noch heute „Eumel“ nennt.

Written by laurareinkens

März 18, 2014 at 5:18 pm

Distanz, bitte!

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Am Sonntag schlurfte ich am Edel-Spätkauf auf der Reichenberger vorbei und winkte dem Besitzer des Ladens, der sich scheinbar fürchterlich freute, mich an diesem grauen Tag zu sehen (ich war unanständig bunt angezogen). In Rededistanz vor seiner Tür fragte er nach dem dumm-dusseligen Austausch von Wünschen zum neuen Jahr: „Junge Frau (mein gängiger Spitzname), hast du ein Aspirin dabei?“ – „Hm. Muss ich mal gucken.“ Nase, Brille und schließlich auch die Augen kämpften sich am monströsen Schal vorbei. Ich blickte in meine Tasche, schüttelte allerhand Kram von rechts nach links. „Nee, tut mir leid, aber so Tabletten für die Nebenhöhlen. Hilft das?“ – „Nein, ich hab nur Kopfschmerzen.“ – „Naja, trink mal ein großes Glas Wasser, das hilft ja manchmal auch schon.“ – „Mach ich, mach ich. Tschüss!“ – „Tschö!“

Diese Situation verfolgte mich noch bis zum Schawarma-Laden. Ein Mann, der sich höchstens mal mit mir über lächerliche Kicker-Titel austauscht, mir meine Zigaretten nur verkauft, wenn ich in der Uschi bin, würde einfach so Medikamente von mir annehmen. Gut, klar, ein angelutschtes Aspirin hätte er wohl nicht genommen, dennoch bewunderte ich sein Vertrauen. Auf mein Makali wartend wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen. „Wohnst du hier in der Nähe?“, fragte mich der Schawarma-Verkäufer betont beiläufig, als ginge es um die ewige „Alles komplett“-Frage. Ich schob die Unterlippe vor.

Seit nunmehr hundertdrölfzig Monaten kaufte ich ihm Schawarma, Falafel, Makali, Kibbe und den ganzen Rest ab, lungerte zu unsäglichen Zeiten mit flehendem Blick in seiner Lokalität herum, bis ich endlich mit Gemüse und Zitronensprudel gesegnet nach Hause trotten durfte, und er fragte mich, ob ich in der Nähe wohne. Bei allem Respekt – in den nächsten Bezirk würde ich für sein Schawarma nicht fahren. Aber das war nicht mein eigentliches Problem in dieser Situation. Ein mehr oder weniger fremder Mann fragte mich, wo ich wohne.

Ich würde kein Aspirin aus einer fremden Handtasche annehmen. Ich erzähle einem fremden Mann, der dem ersten Anschein nach dreieinhalb Mal so stark ist wie ich, nicht, wo ich wohne. Ich hob also den Finger und machte undeutliche Gesten in drei Richtungen gleichzeitig. „Ja, da so.“ Dann guckte ich schnell wieder aus dem Fenster hinüber zum Mini-Spar, der an diesem Sonntag geöffnet hatte, obwohl keiner wusste, warum sie sich das antaten. „Ah.“ bekam ich als Antwort. Ich nickte in die Ferne und horchte, ob er schon beim Rollen der kleinen Gemüseköstlichkeit war.

Mit Sprudel und Makali in der Tasche zottelte ich nach Hause, zog die Mütze tief in die Stirn und ärgerte mich über die gesamte Situation. Eben weil ich seit so langer Zeit Schawarma, Falafel, Makali, Kibbe und/oder den ganzen Rest bei ihm kaufte, zu unsäglichen Zeiten mit flehendem Blick vor seiner Theke stand, um glücklich mit Zauberessen wiederbelebt zu werden, wollte er nur ein einziges Mal mehr als „Vorsicht, scharfe Sauce heute extra scharf“ autauschen. Und was mache ich Trottelchen?

Ich fürchte um mein Leben.

Beim nächsten Mal wird alles anders. Ich schmeiße jedem nur halbwegs Bekannten ein Asprin entgegen, werde fremde Menschen um Lutschbonbons oder das Benutzen ihres Deo-Rollers bitten und dann kommt mein großer Auftritt. Ich werde einen Dreikombiteller beim Schawarma-Mann mit Allem bestellen, sodass er bestimmt zehn Minuten zu tun hat, und dann, liebe Freunde, werde ich mal ganz genau fragen, wo er herkommt, wo er wohnt, ob er Tee- oder Kaffeetrinker ist und alles, was sonst noch unwichtig bis wichtig ist. „Bist du verheiratet? Ach, freut mich. Fand sie dich auch gleich toll? Seid ihr zum ersten Date ins Kino gegangen? Magst du eigentlich Horrorfilme? Ich finde nur langsame Zombies gruselig, du auch?“

Auch wenn er es einfach nur nett meinte, ich kann das einfach nicht.

Written by laurareinkens

Januar 8, 2014 at 5:00 pm

Späti_Liebe

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Ich muss etwa 62 Meter von meiner Haustür bis zu meinem Späti laufen. 62 glorreiche Meter, die sich fast immer wie ein ganz kurzer Spaziergang anfühlen. Eine große Reklamewand lädt unterwegs zu staunend offenem Mund und gerunzelter Stirn ein. Wo nimmt Amazon dieses Bild eines für ihren Geschmack typischen Studenten her? Ponywelle von Justin Bieber, Skateboard und ein zu enger Pullover. Ich schaue wirklich jedes Mal hoch zu der jeweiligen Reklame und studiere sie auch beim 500. Anblick noch genau. Blinzle, stelle mir Fragen über Gehälter der jeweiligen Agentur-Angestellten, die dem Jungen die Haare komisch geföhnt und ihm ein Skateboard in die Hand gedrückt haben. Meistens rutscht mir dabei eine Flasche Sprudel – meiner sprachlichen Erziehung nach eine Limonade, die kaum gesüßt ist – halb aus dem Arm, abends sitzt ein kleines Bier fest in der Hand.

Auch an diesem nieselig-kalten Donnerstag ging ich vor der Heimkehr noch eben am Späti vorbei. Wieder wollte ich meinen Sprudel einsammeln und ein kleines Bierchen kaufen. Der Absacker war schnell gefunden, mit großen Augen ging ich hinüber zum Kühlschrank mit den diversen türkischen Wassersorten, Zuckerlimos und eben auch der von mir ganz besonders geschätzten Getränkesorte aus dem Hause Spreequell. Durch Zufall fiel mein Blick auf das Verfallsdatum. Zehn Tage drüber. Zehn Tage! Ich schaute mir die nächste Flasche dahinter an – zwei ganze Wochen. Ich räumte alle begutachteten Flaschen wieder rein und griff zur nicht so ganz gern getrunkenen, aber immerhin zweitliebsten Sorte. Ich erstarrte. Wir sprachen nicht mal mehr vom gleichen Monat. Flippste aus.

Ich gönnte dem Gemisch aus Wasser, Traubensaft, Holunder und wahrscheinlich einer Menge Bakterien, die inzwischen eine riesige Party feiern mussten, einen letzten abschätzigen Blick und drehte mich zum Chef an der Kasse um. Er schaute mich fragend an, weil er das große Rumräumen von Frau Kreuzberg offensichtlich nicht verstand. „Was suchst du?“ – „Eine Flasche, die in diesem Jahrhundert noch haltbar war“, antwortete ich halb scherzend, halb bestimmt. „Ja, du hast zu wenig davon gekauft in letzter Zeit. Ich kaufe die nur für dich.“ – „Nee, meinste ernst? Wieso trinkt das denn keiner? Ist doch das beste Alkoholfreie, das du hier im Laden hast.“ Er machte eine Geste, die verriet, dass er sich diesbezüglich offenbar nicht festlegen wollte. Versonnen strich er sich über seinen Bauch, auf dem alle Simpsons auf einer Achterbahn eindeutig richtig Spaß hatten. Mein Blick blieb kurz an seinem T-Shirt hängen, er schaute ebenfalls an sich nach unten und freute sich. Ich freute mich auch, hätte aber gerne mein Getränk gehabt.

Der Chef, in seinen guten Fünfzigern, groß gewachsen, unabhängig von den Simpsons recht jung geblieben, unterbrach unsere jeweiligen, stillen Gedanken und überraschte mich: „Kauf die doch, die sind doch noch gut.“ Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Auch sein Handlanger, der leider keine Sprache spricht, die ich verstehe, aber Deutsch oder Englisch ganz gut folgen kann, schaute verwundert auf. „Dir ist klar, dass du einen Euro mehr nimmst als der Supermarkt und das Traubenzeug dazu auch noch im Oktober abgelaufen ist.“ Ja, er nickte und verstand. „Dann nur das eine Bier für dich?“ Ja, nur das eine Bier. „Tschö, schönen Abend“ – „Jo, dir auch!“

Ich stapfte raus und schaute Amazon-Bieber mit Welle und glücklichem „Ick zahl nüschte für Prime“-Lächeln entgegen, zählte meine Schritte bis zur Haustür und fragte mich, wie die Leute irgendwann einmal ohne Spätis ausgekommen sind. Auch wenn die Schrippen nicht die besten sind, Lidl-Aufschnitt mit 200%-Aufschlag verkauft wird, steht da jemand im Großmarkt und denkt: „Der mit der Brille nehm ich noch den Sprudel mit.“ Das ist wahre Verbundenheit. „Kaufst du nicht sonst das Soft Pack?“ Ja, tue ich, vielen Dank. „Willst du zwei Schrippen mitnehmen? Die sind noch heiß!“ Ja, will ich, aber woher wusste er das, von dem mir nicht klar war, dass ich es genau jetzt brauche? Wir jammern über Fußball, wir lachen über die Teenager-Kiffer im Park. Vollidioten.

Das kann Bieber-Amazon nicht. Das können nur Leute aus dem Kiez, in deren Geschäft man morgens und nachts fällt, die einen seit mehr Jahren begleiten als eine Hand Finger hat. Und das alles tun sie, ohne wirklich Teil des eigenen Lebens zu sein. Das muss man erst einmal schaffen. Ich liebe meinen Späti.

Written by laurareinkens

November 28, 2013 at 8:31 pm

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