laurareinkens

Fußball.

Der Schnee, die Pfütze, die Fortuna

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Zu einer Uhrzeit, die erfunden wurde, um die Menschheit zu peinigen, stapfte ich heute in aller Frühe durch den Kreuzberger Teil Sibiriens zu dem Ort, der Brötchen und Orangensaft versprach. Gegen den Wind bog ich am Spielplatz um die Ecke in die Glogauer Straße, die Fäustlinge in den Jackentaschen, den Zettel mit der Aufschrift „Taschentücher“ fest umklammert. Nach wenigen Metern passierte es. Mit einem lauten, saftig-nassen, dumpfen Platscher trat ich in eine gut getarnte, unmöglich tiefe Schneematschpfütze. Ich rettete meinen versehrten Fuß aus dem kalten Übel und blickte ungläubig an mir hinunter. An meiner Strumpfhose klebte noch Matsch, das Lammfell im Inneren meiner Stiefelchen sog sich bereits mit dem grauen Eispamp voll. Das kreischend kalte Wasser lief mir den kaum geschützten Knöchel hinab unter die Fußsohle, die sich vor Reizüberfluss krümmte, mein kleiner Zeh, der in diesem Leben schon so viele Türrahmen überlebt hatte, verabschiedete sich in Windeseile.

Diese Ungeheuerlichkeit war wirklich passiert. Ich kramte meinen Fäustling aus der Tasche und wischte voll Trauer, Gänsehaut und Zorn die Pampe von meinen Beinen und schüttelte meinen Fuß. In diesem Moment dachte ich an Lumpi Lambertz, die Fortuna und siebzig Minuten voller Öde und Aufgeben, Unvermögen und Lustlosigkeit. Ich war Jens Langeneke im Publikum, der hinnehmen musste, was dort geschah, ich war Norbert Meier, der sah und hoffentlich erkannte, was ein Levels auf dem Platz bedeutete, ich war Axel Bellinghausen, der zwar neuerdings frisch blondiert, aber noch immer kein Fußballer war. Ein junger Mann kam mir entgegen und blickte mich mit hilfloser Geste ganz betroffen an, er hatte das Spiel wohl auch gesehen. Ich sah ihm noch einen Moment nach, er sah sich auch noch einmal um.

Im Singsang des krachenden Schnees und des mehr gefühlt als gehörten Quitschens um meine Zehen herum und unter der empfindlichen Sohle setzte ich meinen Weg fort. Mit trotzigem Blick erinnerte ich mich an die verheerenden Kurzpässe im eigenen Strafraum, die Machtlosigkeit und das bloße Pech Fabian Giefers. Augsburg hatte seine ersten drei Punkte in der Ferne ausgerechnet in Düsseldorf gesammelt und damit etwas ans Licht gebracht, was man in der schönsten Stadt am Rhein nicht wahrhaben wollte und auch heute vielleicht noch nicht verstanden hat: Das war Hochmut. Den Weihnachtsbraten noch in frischer Erinnerung hatten sich die Fortunaten auf einen lässigen Rückrundenstart eingestellt – gegen Augsburg. Augsburg! Augsburg mit den neun Punkten, ohne Auswärtssieg.

Es war eine einzige Folter, mitansehen zu müssen, wie Tobias Werner – ein von mir über alle Maßen geschätzter Spieler – sich seinen Gegenspieler Levels alle paar Minuten hernahm, weichkochte und von Szene zu Szene mit einer Prise Salz versah und einem kleinen Tupfer Mayonnaise garnierte, bevor er ihn verspeiste. Bodzek und Juanan hatten unterdessen das große Halligalli in der Innenverteidigung ausgerufen, dem sich Fink und Lumpi im defensiven Mittelfeld einfach mal anschlossen. Die wenigen Meter über die Mittellinie hinaus, die ihnen gestattet waren, nutzte Bello, um die Bälle loszuwerden als sei es Popcorn zwischen den Backenzähnen. Ken Ilsö verlor all seine skandinavische Ruhe und verhunzte jeden Freistoss, der den Fortunen glücklicherweise noch zugesprochen wurde. Robbie Kruse hatte nichts falsch gemacht. Nie. Reisinger hingegen lief mit dem Ball ins Aus oder gar nicht erst los.

Was hatten die Herren denn erwartet? Dass jetzt alles, was vor Beginn der Saison als Marschroute ausgegeben wurde, nicht mehr gilt? Dass ein klitzekleiner Medienhype genügt, um plötzlich bei den Großen mitzuspielen? Erst wird verteidigt, dann wird der Weg nach vorn gesucht. Das kann doch nur die Überlebenstaktik dieses Vereins sein. Dass nebenbei sieben Punkte in einer Woche gegen den HSV, in (!) Dortmund und gegen Hannover geholt wurden, sind und bleiben wunderschöne Momentaufnahmen – aber nicht mehr. Als ich an der Kasse stand, der hübschen Fatma die paar Münzen hinlegte und wieder hinaus in die Kälte schlich, wurde mir bewusst, dass schon diese Woche in Gladbach die ganze Welt wieder besser aussehen würde. Die Spieler werden vor Motivation nur so platzen, Balogun wird wieder hinten rechts auflaufen, Bolly wird für Bello starten, Tesche vielleicht von Anfang an (so absurd dies auch klingen mag). Die gestrigen letzten zwanzig Minuten plus Nachspielzeit werden hoffentlich von Beginn an durchgezogen.

Auf dem Rückweg machte ich einen betont großen Bogen um die Schneematschpfütze. Gerne hätte ich ihr eine lange Nase gezeigt, aber das ging nicht, der Fäustling war nass geworden, die Finger klamm. Schnell verkroch ich mich in die warme Wohnung, breitete die Einkäufe aus und biss schon einmal in die frische Schrippe. Der bittere Beigeschmack blieb: Fortuna Düsseldorf spielt nach 15 Jahren endlich wieder in der ersten Bundesliga und unterschätzt einen Gegner. Da war aber auch Hoffnung, dass das Spiel am Sonntag die einzige Schneematschpfütze bleiben würde und nach dem Pokalquatsch in Offenbach genau zur rechten Zeit kam.

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Written by laurareinkens

Januar 21, 2013 um 4:14 pm

2 Antworten

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  1. War das die gleiche Fatma von der auch Peter Fox singt?

    Stefan

    Januar 22, 2013 at 2:54 pm

    • Ich glaube nicht, wäre aber möglich. Im Edeka an der Ecke findet man Marteria, wer weiß also, wo der Fox hier einkaufen geht.

      laurareinkens

      Januar 22, 2013 at 3:00 pm


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