laurareinkens

Fußball.

Ein vielköpfiges Kompliment – So lasset sie doch feiern!

with 24 comments

Heute habe ich einen neuen Begriff gelernt: „Anjas und Tanjas“. Mir wurde verkauft, so würden junge Frauen genannt, die zu einem Fußballspiel oder einer Übertragung mit „Eventcharakter“ gehen. Und scheinbar dürfen sie das nicht, weil es Leute gibt, die sich für bessere Fans halten.

Wir lassen den ganzen Bereich der dringendst zu erwähnenden sexistischen Kackscheiße jetzt mal außen vor und behandeln das Thema so, als wären Anja und Tanja zwei Personen und kein Schlagwort. Es gibt also Leute, die sich zu Turnieren oder wie jüngst zum Champions-League-Finale aufmachen, ein bisschen rot-weiß oder schwarz-gelb anmalen und den Abend lustig gestimmt mit vielen anderen verbringen wollen. Dabei werden sie ein paar Biere trinken, rumgrölen, singen und im Bestfall am Ende jubeln. Schock, schwere Not! Oder sie leben in einer Stadt, deren Verein nach 15 Jahren Erstilga-Abstinenz den Weg in die 1. Bundesliga gemeistert hat, hängen ein Fähnchen raus und gehen mal ins Stadion. Um Himmels Willen!

Warum sollte es mich berühren? Warum sollte ich mich derart echauffieren, dass ich einen langen Blogartikel unter Anderem dazu verfasse? Wenn es zum ersten rein deutschen Finale der Champions League in Berlin eine Fanmeile gibt, sollen sie doch. Dann kann man sich sicher sein, dass Anja und Tanja ein wenig viel für ihr Bier zahlen müssen, aber die große Sause bekommen sie bestimmt geboten. Für mich ist das nichts, aber das muss es ja auch nicht. Jeder darf den Fußball auf die Art und so oft erleben, wie er oder sie es für sich für richtig hält.

Abstrakter gefragt: Warum sollte ich einen anderen Menschen im Erleben eines Sports beurteilen? Diese als „Eventies“ im oben verlinkten Artikel verunglimpften Fans haben Spaß an einem großen Spiel, an einer großen Saison eines Vereins. Sie gehen nicht den ganzen Weg mit, nein, aber sie haben sich ihr Ticket gekauft, stehen oder sitzen neben einem im Stadion und kauen auch an den Nägeln, wenn Bellinghausen die Sache mit den Flanken erneut probiert. Sie jubeln mit mir, falls es denn mal klappt. Sie finden das ganze Unterfangen in dem Moment genauso spannend wie ich. Will ich über mögliche Wechsel sprechen, drehe ich mich eben nach links zu meiner Begleitung und tausche mich da aus.

Mir mangelt es an diesem absoluten Überlegenheitsgefühl, andere abstempeln zu dürfen. Ich verfolge einen Verein auf diese Art, ein anderer nimmt es eben nicht so wichtig und kommt und geht. Erneut: Was daran sollte mich stören? Dass es in einem guten Jahr mehr Fans gibt? Dass der Verein mehr im Fokus steht? Das sind für den Verein – und wir sprechen hier doch immer noch über den Sport? – positive Faktoren! Ein vielköpfiges Kompliment, wenn man so will.

Diese Fans bringen dem Verein übrigens Geld. Sehr viel sogar. Das würde ich nicht ansprechen, wenn es nicht so viele „ganz richtige Fans“ gäbe, die beispielsweise mit ihren Pyro-Aktionen Monat für Monat ihrem so geliebten Verein zur bloßen Selbstdarstellung auf der Tasche liegen. Da ist mir der mitklatschende Herr hinten links lieber, bin ich ehrlich. Sie nehmen sich nichts heraus, nur die Tatsache, dass sie zu Oberligazeiten lieber am Rhein spazieren waren. Sollten sie mit dem Abstieg verschwinden, haben sie trotzdem ganz viele wahnsinnig tolle Momente in der ausverkauften Esprit Arena erlebt. Vielleicht sieht man sich ja wieder, wenn die Fortuna wieder oben ist. In der Mehrheit waren sie sowieso nie.

Was auch immer Anja und Tanja dazu bewegt, Samstagabend auf die Fanmeile zu gehen – wenn es ihnen zum Grund reicht, habe ich nichts in Frage zu stellen. Es gibt keinen „richtigen“ Fan. Es gibt viele Interessierte, die ihr Herz für immer oder nur für ein Jahr verschenken. Wieso sollte ich darüber urteilen? Warum sollten sie mich in meinen Kreisen stören? Wenn die Nachfrage besteht, eine Fanmeile zu öffnen, hat sich diese ganze Diskussion doch schon gegessen. Anja und Tanja wollen eine Fußballparty, wieso macht das das Leben der sich selbst als richtig einordnenden Fans so schwer? Der Fußball soll frei sein, frei bleiben.

Ich weiß, dass ich schon dreimal mehr Spiele gesehen habe als viele andere. Ich kenne mich mit den Regeln ziemlich gut aus und informiere mich täglich fünfmal, ob es Neuigkeiten gibt. Mein Geld verdiene ich sogar bei einer internationalen Fußball-Plattform. Ich bin drin – im Sport. Ich trage allerdings kein Polohemd mit Ultras-Symbolen, bin nicht jedes Wochenende im Stadion, weil ich in Berlin wohne, gehöre keiner Gruppierung an und tue mich manchmal schon mit der einen oder anderen Fankneipe schwer.

Was bin ich dann?

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Written by laurareinkens

Mai 28, 2013 um 5:27 pm

24 Antworten

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  1. Muss man eigentlich wirklich aus jedem Pubs ein Politikum und ein Riesenbohei machen?

    pantoffelpunk

    Mai 28, 2013 at 5:38 pm

    • Nö, muss man nicht. Aber ich fand die Diskussion spannend genug, um meinen Senf dazu auch aufzuschreiben. Dieses Bloggen, von dem die Leute sprechen, funktioniert es nicht so?

      laurareinkens

      Mai 28, 2013 at 5:45 pm

      • Dass man Senf ins Internet schreiben und es bloggen nennen kann, bedeutet ja aber nicht, alles zu dramatisieren und zu einem gesellschaftspolitischen Notstand aufzublasen.

        Die Anjatanja gibt es mindestens seit Anfang der 2000er Jahre (da habe ich es häufig bei che und netbitch gelesen) und beschrieb im großen und ganzen den Typ Frau, den man zu Tausenden in jeder Kleinstadt sieht, die sich äußerlich, im öffentlichen Verhalten und in der Lebensplanung gleichen wie ein Ei dem anderen. Also vergiss einfach mal die sexistische Kackscheiße zu diesem Begriff und sieh es als Kritik an die Eintönigkeit der Menschen.

        Und zu den Eventies: Natürlich ist es erlaubt, nur zu ausgesuchten Spielen ins Stadion zu gehen und niemand hasst diese Event-Fans „wirklich“. Herrje, aber wie in jedem eingeschworenen Zirkel gibt es doch auch bei den Fußball-Fans bestimmte Interna und running gags, und ohne dass dies gleich eine hochnotdramatische Diskriminierung darstellt, werden halt die Event-Fans verlacht und ein bisschen abgelehnt. Weil auch jeder, der regelmäßig das Stadion besucht, schon ätzend-nervige Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht hat. Ob die nun während des gesamten Spiels quatschen, ob sie rumnölen, weil man zu laut pfeift oder weil sie ein Biertröpfchen aufs schöne Jäckchen bekommen haben oder weil sie Dich ständig fragen, wer denn der Spieler mit der Nummer 6, der mit der Nummer 9 oder der mit der Nummer 10 ist – obwohl, oh, der mit der 13 sieht ja auch süß aus.

        Also, einfach mal ein bisschen entspannen hilft immer.

        pantoffelpunk

        Mai 29, 2013 at 8:21 am

  2. Kompliment, du hast meine Gedanken zu diesem Thema in die Worte gepackt, nach denen ich immer suche, wenn mir jemand mal wieder erklären will, was „echte“ Fans und „verdiente“ Tickets sind. Danke!

    Sofastas

    Mai 28, 2013 at 6:25 pm

  3. In deinem grundlegenden Punkt stimme ich dir zu: Kein Fan sollte so hochnäsig sein und den anderen danach bewerten, wie viel Zeit und Geld er_sie in den Verein steckt. Fanmeilen halte ich dennoch für eine Ausgeburt der Hölle, da Anziehungspunkt für die übelsten Gestalten, denen man im Rudel im Dunkeln einfach nicht begegnen möchte. Aber vlt. bin ich da als Dresdner einfach auch nur negativ vorgeprägt. 😉

    Name

    Mai 28, 2013 at 9:18 pm

    • Kann ja gar nicht! Ich treib mich da ja gar nicht rum! Nee, im Ernst: Geht’s da nach den Spielen ab?

      laurareinkens

      Mai 29, 2013 at 6:25 am

  4. >>“Was bin ich dann?“

    Jemand der den geringsten Widerstand geht. Fußball, im Anbetracht der Tatsache das es keinen Bundesligaverein gibt der jünger als die Bundesrepublik ist, hat nuneinmal viel mit Tradition zu tun. Mit einer Fanliebe, derer schon der Eltern und Großeltern gefrönt haben. Berlin ist reich an Fußballtradition, es gibt also aus einer traditionellen Perspektive keinen Grund, warum man ohne jedwede Bindung einen Verein aus einem anderen Bundesland oder sogar anderen Staat gut findet, oder sogar „sein Herz“ verliert.
    Natürlich hat man den Vorteil, wenn man sich gerade einen Verein aussucht, der super erfolgreich durch die Bundesliga geht, den Anteil negativer Emotionen auf ein Minimum reduziert. Was weiß dieser Fan von engen entscheidenen Spielen die verloren gehen? Wo ist seine Leidensfähigkeit? Was weiß denn der Neubayern oder Neudortmundfan denn vom Abstiegskampf, geschweige denn vom Abstieg? Oder dem Spielen in einer niedrigeren Klasse als der Bundesliga? Gar nichts, er hat den Weg des geringsten Widerstands gewählt, seinen Fanwohlfühlfaktor rational maximiert. Es geht nicht um gute oder schlechte Zeiten, um die Existenz seiner Liebe, es geht darum ob man den Titel holt oder nicht. Das ist ja auch sein gutes Recht, jeder soll nach seiner Facon glücklich werden. Aber wenn, aber wenn so ein schrulliger 08/15 Club aus Berlin oder sonstwo tatsächlich irgendwann, ja irgendwann mal was reißt, werden diejenigen die ihr Herz schon immer an diesen Club verloren haben umso deutlicher, umso intesiver umso emotionaler feiern, mehr als sich das ein Eventi jemals in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann (Grenzbereich Fußball als Religion).
    Natürlich, die „Erfolgs“Wahrscheinlichkeit ist gering, das Joyäquivalent des Traditionalisten ist sehr gering, eher wird der Traditionalist mit negativen Erlebnissen alt werden. Aber der Traditionalist ist eben nicht den einfachen Weg gegangen, es ist sein Respekt vor der Stadt aus der er stammt, oder seiner Familie oder in der er lebt und seinen Mittelpunkt hat. Ob das jetzt Hertha, Union, Tennis Borussia oder Tasmania ist, oder sonst irgendein Verein aus Berlin.
    Erfolg ist gut, Erfolg bringt Aufmerksamkeit, bessere Spieler und mehr Geld. Aber nicht jeder kann erfolgreich sein. So werden diejenigen Fans, die in dieser Perspektive meistens nur die Sparingspartner für die großen erolgreichen Vereine sind, immer mit einem lächelnden und mitleidigen Auge auf diejenigen schauen, die ihren Wohlfühlfaktor maximiert haben. Auf diejenigen also, die den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind. Auf diejenigen also, die gar nicht mehr wissen wie sich wirklich ein Sieg, ein Klassenerhalt, eine Meisterschaft oder ein Titelgewinn anfühlen. Und in ihrem tiefsten Innersten wissen das die Eventis auch selbst. Davon bin ich überzeugt.

    Teardown

    Mai 29, 2013 at 2:08 am

  5. Das Problem welches ich habe ist folgendes. Ich bin Familienvater und bin, wie meine Frau Vollzeit berufstätig. trotz erlerntem Beruf liegen wir WEIT unter diesem angeblichen deutschen Durchschnittslohn. Dauerkarten sind daher einfach nicht drin. Versteh mich nicht falsch, wir sind nicht arm, aber in Sachen Tickets leben wir „von der Hand in den Mund“. Wenn man dann als langjähriger Fan wiedermal leer ausgeht und plötzlich seinem „Hobby“ nicht mehr nachgehen kann, weil es gerade „Hip“ ist Fan zu sein, kann man schon mal an die decke gehen. Klar sehe ich den positiven finanziellen Effekt, aber leider auch den negativen im Bereich Support. Stadion ist für mich halt nicht nur „Fussball gucken“, sondern auch und vor allem Support für den Verein. Wenn man dazu noch neben den „Eventies“ sitzt und sich deren Halbwissen antun muss, hat man zwangsläufig das Bedürfnis, sie mit dem Plastikbecher zu verprügeln. Ich brauche auch keinen Kommentare alá „jeder hat das Recht auf….. blabla“, klar kann sich jeder eine Karte kaufen, aber wer gibt denen das Recht mir mein/unser Hobby zu versauen? Ich renne auch nicht in deren Stammlokal/Disco und kotze denen in die Cocktails.

    Tom Sawyer

    Mai 29, 2013 at 5:50 am

    • Ich plädiere oben für freie Meinungsäußerung und freie Auslebung der Interessen, deswegen wollte ich diesen Kommentar trotz „mit Bierbechern verprügeln“, etc nicht löschen.

      laurareinkens

      Mai 29, 2013 at 6:29 am

      • Ich sprach von dem Bedürfnis, nicht von der Tat. 😉 Ich kein gewaltliebender oder -lebender Mensch.

        Tom Sawyer

        Mai 29, 2013 at 7:03 am

      • Haha, da bin ich ja beruhigt!

        laurareinkens

        Mai 29, 2013 at 7:08 am

  6. Ich finde Deinen Artikel sehr treffend und kann Dir nur zustimmen. Ich gehöre zu den vermeintlich „wahren“ Fans und habe mich sicher auch schon das ein oder andere Mal über die Eventies aufgeregt. Dabei habe ich jedoch denselben Schluss ziehen müssen, zu dem auch Du kommst: Mit welchem Recht nehme ich mir eigentlich raus, mich selbst als „besseren“ Fan im Vergleich zu einem Eventie einzustufen?
    Antwort: Mit gar keinem Recht! Ja, ich kann stolz sagen, dass ich den steinigen Weg dieses Traditionsvereins mitgegangen bin, dass ich durch mein Fan-Dasein gelernt habe, was es heißt zu Leiden und ich habe Erfolge sehr zu schätzen gelernt. All das will ich nicht missen und ich bin stolz darauf, kein Erfolgsfan zu sein. Aber gibt mir das das Recht, mich als was besseres zu sehen, als einen Eventie? Nein! Jeder, der mag und der keine bösen Absichten hat, hat doch das Recht ins Stadion zu gehen.
    Was wäre eigentlich, wenn ich ins Museum gehe, um mir eine Kunstausstellung eines berühmten Künstlers, z.B. Dalí, anzuschauen, einfach weil diese Ausstellung gerade hip ist? Werde ich, die ich mich selbst maximal eine Stufe über der Kunstbanausin einstufe, von den Kunstkennern dann auch als Eventie verschrien, weil ich mir die Ausstellung nicht wegen meiner großen Kunstleidenschaft, sondern einfach nur, weil es gerade „in“ ist anschaue? Bin ich wegen meiner fehlenden Kenntnisse und meinem Mangel an Emotionen ein schlechterer Besucher der Ausstellung?

    @Exilfortunin

    Mai 29, 2013 at 7:07 am

    • Ich lege dir nahe tatsächlich mal eine Vernissage zu besuchen. Und während du durch die Gänge/Hallen schlenderst und einfache Kommentare wie „Hübsch“ oder „das ist aber schön“ von dir gibst, beobachte doch einmal unauffällig dein Umfeld. Auch Du wirst feststellen, dass Du die ungewollte Aufmerksamkeit der „Hardcore-Kunstkenner“ hast. Und glaube mir, die wollen dich da auch nicht haben.

      Tom Sawyer

      Mai 29, 2013 at 7:17 am

      • Und deshalb soll ich mich dann genauso scheiße den Eventies gegenüber beim Fußball verhalten? Das ist meiner Meinung nach genau der falsche Schluss, den Du ziehst. „Ich verhalte mich scheiße, weil die anderen machen es auch nicht anders“. Das ist dann z.B. gleichbedeutend mit „Ich nenne dunkelhäutige Menschen „Bimbo“, weil die anderen das ja auch machen“ oder „ich werfe Bierbecher nach Spielern der gegnerischen Mannschaft, machen doch schließlich alle“, oder ich singe „Ihr seid Wessis (frei zu ersetzen durch sämtlich andere Bezeichnungen, wie z.B. Ossis, Kölner, etc.), asoziale Wessis, Ihr schlaft unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission“, weil das machen ja alle. Das kann man beliebig so weiterspinnen und es ist immer eine ganz tolle Ausrede für das eigene, respektlose Verhalten anderen Menschen gegenüber, wenn man darauf hinweist, dass andere sich ja auch nicht besser verhalten.
        Ich für meinen Teil lebe nach dem Motto „Leben und leben lassen“ mit dem wichtigen Zusatz, dass das „leben lassen“ impliziert, dass ich meine Mitmenschen respektvoll behandle, egal ob sie schwarz oder weiß, Künstler oder Fußballprofi, Frau oder Mann, Kind oder Opa, Angestellter oder Selbstständiger, reich oder arm, Ultra oder Eventie sind. Solange wir uns alle respektvoll begegnen ohne uns in „bessere“ und „schlechtere“ Kategorien einzustufen, wäre das Leben so manches Mal entspannter. Ich verurteile jemanden doch nicht, weil er/sie ein Eventie ist! Das ist lächerlich. Verurteilen tue ich nur die Menschen, die anderen Menschen etwas antun. Also z.B. diejenigen, die Eventies anpöbeln und sich ihnen gegenüber abfällig über ihr Eventie-Dasein äußern.

        @Exilfortunin

        Mai 29, 2013 at 7:43 am

  7. Moin Laura,
    wie schon auf Twitter ganz kurz andiskutiert, sehe ich das weit weniger verbissen. Weniger verbissen als der Ursprungstext, da ich aufgrund einer gewissen Altersmilde inzwischen auch mehr zu „Leben und Leben lassen“ tendiere als noch vor 10-15 Jahren, aber auch weniger verbissen andersrum als Du. Dein zwischen den Zeilen durchschimmerndes Herabblicken auf die Ultras und ihre Pyro-Aktionen ist doch auch ein abwerten, nur eben aus einem anderen Blickwinkel, oder?
    Wenn Eure beiden Texte also das Schwarz&Weiß einer Bandbreite abdecken, befinde ich mich irgendwo im Graubereich.
    Ultras (und Pyro) nerven mich weit weniger, als besoffene Vollhonks mit Deutschland-Girlande in der U-Bahn, wenn sie vom Public Viewing kommen. (Beim Public Viewing können die mich nicht nerven, da ich dieses ebenso aus guten Gründen ignoriere wie Du.) Schlimm wird es bei mir aber auch nur dann, wenn eben diese Leute in Gesprächen auf der einen Seite durch ihre Äußerungen klar vermitteln, dass sie nur zu EM/WM oder eben CL-Finale-Zeiten sich für Fußball interessieren und einen dann umgekehrt wieder naserümpfend anschauen, wenn man an einem „normalen“ Wochenende auf Auswärtsfahrt geht, wo Fußballfans dann für diese wieder Freaks sind.
    Allerdings nerven mich auch viele andere Leute, und weder zu den einen noch zu den anderen schreib ich darüber Blogtexte… aber da hat der Ursprungstext eben ne andere Anzahl Tropfen, bis das Fass überläuft.

    Will sagen: Verstehen kann ich Euch beide, meine persönliche Position dürfte irgendwo dazwischen liegen.
    Und: Schön, dass Du Deine Gedanken hier so veröffentlicht hast, bei mir reicht es bei sowas aus diversen gründen immer nur zu nem Tweet, und bei nur 140 Zeichen gehen dann eben viele Nuancen verloren.
    Liebe Grüße!

    Frodo (Übersteiger)

    Mai 29, 2013 at 7:12 am

    • Hallöchen!

      Auch bei Twitter gab es schon zwei Meldungen bezüglich der Pyro-Geschichte. Stimmt, ich wollte damit eigentlich nur kitzeln. Mir persönlich fehlt irgendwie die öffentliche, sachliche Kritik daran, dass mit ein wenig Feuerwerk alle zwei Wochen das Jahresgehalt eines (Bsp.) Fortuna-Spielers verbraten wird. Ultra-Gemeinden an sich will ich nicht kritisieren, nur die Aktionen, die oft genug aus ihrer Mitte kommen. Wenn Event-Fans doof sind, weil sie den Sport nicht so mitleben und miterleiden wie andere, will ich auch hören, dass Pyro-Aktionen (von wem auch immer) genauso dem Sport „schaden“ können, weil der klamme Verein dafür blechen muss. Deswegen diese Spitze im Text. Vielleicht gut, dass ich es hier noch einmal so erklärt habe.

      Ein graues Dazwischen wird weitaus häufiger der Fall sein als die Auffassung vom Halbangst Blog und meiner Wenigkeit, bin ich mir sicher. Finde es nur total gut, wie seit gestern allgemein über das Thema diskutiert wird – allein hier schon all die Kommentare – und nicht mehr nur pauschal „alls doof außer Mutti“ gepöbelt wird.

      Liebste Grüße zurück!

      laurareinkens

      Mai 29, 2013 at 8:07 am

  8. […] Halbangst Blog echauffiert sich über Event-Fans, wodurch sich Laura Reinkens wiederum über die Argumente des Halbangst Blogs […]

  9. Ich habe mir in Sachen Eventies auch mal meine Gedanken gemacht.

    Ich kann weder dem Ausgangsblogpost (gegen die Eventies), noch dem hiesigen Blogpost wirklich zustimmen.

    Auf der einen Seite:

    Den Ausführungen gegen die Eventies halte ich für nicht gelungen, da er eine willkürliche Unterscheidung zwischen „wirklichen“ Fans und Eventfans vornimmt.

    Der wirkliche Fan wird (pauschal) definiert als ein Anhänger einer bestimmten Fußballmannschaft, der sich auch in schwierigen Zeiten zu seinem Verein bekennt und zu diesem steht.

    Nach dieser Definition wäre ich selbst beispielsweise kein wirklicher Fan. Ich habe zwar über die Zeit eine Präferenz für einen Verein entwickelt, aber mich interessiert seit jeher die Taktik, das Konzept eines Spiels und die Philosophie verschiedener Trainertypen. Deswegen macht es mir auch Spaß, mir ellenlange taktische Analysen, Passtatistiken und Zweikampfwerte durchzulesen,

    Genauso wie ich selbst also ein bestimmter Fantyp sind auch die selbsternannten wirklichen Fans nur ein bestimmter Fantyp.

    Ich sehe keine schlüssige Begründung dafür, dass die wirklichen Fans den Eventies vorschreiben dürfen, ob wann und wie diese Eventfans Fußball anschauen dürfen. Dieses Recht können die wirklichen Fans nicht für sich in Anspruch nehmen. Die Begründung dafür, dass die „echten Fans“ das auch gar nicht dürfen, ist relativ einfach. Die großen Vereine, die jeweiligen Ligen und die übergeordneten Institutionen (Fifa, Uefa) wollen diese Eventfans haben.

    Die sogenannten wirklichen Fans verkürzen den Fußball nämlich auf das, was sie selbst in diesem Sport sehen: Leidenschaft für eine Mannschaft. Fußball ist aber nicht nur Leidenschaft, sondern die Vereine sind auch Wirtschaftsunternehmen, die Geld verdienen wollen. Dieses Geld verdienen sie dadurch, dass sie den Menschen (und zwar so vielen wie möglich) etwas verkaufen, nämlich Fußball.

    Ein Cristiano Ronaldo bekommt ja nicht ein Jahresgehalt von 12 Millionen Euro (2012), weil das objektiv dem Wert seiner Leistung entspricht. Er bekommt dieses Geld, weil er dem Verein über Trikotverkäufe (rund 1 Million verkaufte Trikots) die Investitionssumme plus Gewinn in die Kassen spült. Diese Gewinne werden u.a. auch von den Eventies generiert. Insofern sind die Vereine an dieser Gruppe von Konsumenten durchaus interessiert. Daher haben diese Eventfans jedes Recht den Fußball so zu schauen, wie sie es tun.

    Auf der anderen Seite:

    Ich kann die Kritik an dem Phänomen Eventfans aber durchaus nachvollziehen, sofern es um die Inszenierung des Fußballs an sich geht.

    Hier hat sich ja durchaus eine Entwicklung abgezeichnet.Die gesteigerte Aufmerksamkeit an Höhepunkten im Vereinsfußball gab es ja schon immer. Nunmehr allerdings hält die Eventkultur, die man bisher nur vom Nationalmannschaftsfußball kannte, auch im Vereinsfußball Einzug. Wenn in Berlin zum CL-Finale eine Fanmeile für 250.000 Besucher errichtet wird, dann geht es dort nur noch um die Inszenierung des Fußball. Das ist dann die Reinkultur von Fußball als Ware. Hier stellt sich dann schon die Frage, ob es noch um den Sport an sich geht, oder nur noch um den Verkauf. Beim professionellen Sport wird es diese Reibung zwischen (Fan-) Emotionen einerseits und wirtschaftlichen Interessen andererseits wohl immer geben.

    Aber: Man kann diese Entwicklung kritisieren. Dennoch steht es jedem frei, sich dieser Eventkultur anzuschließen. Wer das nicht möchte, bleibt dem einfach fern. Den Menschen jedoch abzusprechen zu wollen, dass sie Fußball auf Fanmeilen oder beim public viewing genießen, geht zu weit.

    Ballon d'or

    Mai 29, 2013 at 10:54 am

  10. Erinnert mich immer ein wenig an die Indie-Fans, deren ach so obskure Lieblingsband plötzlich erfolgreich wurde …
    (Ich weiß, das ist wesentlich zu kurz gegriffen.)

    keano

    Mai 29, 2013 at 12:53 pm

  11. »[…] Wenn diese verkürzten Theoreme unter vermeintlichen Bedingungen existenzieller Negation der eigenen Art gedeutet werden (im Sinne Schmitts also: »spezifisch politisch«), ist dem anti-modernen Mob der Weg zur Legitimation körperlicher Gewaltanwendung geebnet: Wenn es um die Reinheit der eigenen (Fußball-) Kultur geht, wird der Grat zwischen Ideologie- und Idiotiekritik noch einmal ein gutes Stück schmaler. Dabei tritt in der Praxis des Wütens der wahre Kern der modernitätsfeindlichen Weltanschauung überdeutlich hervor: Triebabfuhr wie jüngst in Lyon (wo ein vermummter Nazi-Mob Anhänger des Tottenham Hotspur F.C. attackierte – eines Vereins also, der aufgrund seiner jüdischen Geschichte immer wieder Opfer antisemitischer Ausfälle wird) ist die konsequente Zuspitzung des vulgären Geredes von der Reinheit der eigenen Fankultur.
    Der ideologische Kern ist aber immer schon präsent, wo zwischen besseren und schlechteren Fans unterschieden wird.«

    Der Fußballjargon der Eigentlichkeit | http://hamburg-ist-gruen-weiss.de/2013/fussballjargon-der-eigentlichkeit/

    vert et blanc

    Mai 29, 2013 at 3:23 pm

  12. Das Problem ist, dass die friedliche Koexistenz zwischen Eventies/finanziell potenter Zuschauerschaft (keineswegs ausschließlich ein Problem der Anjas & Tanjas, denn Ingo & Ringo sind keinen Deut besser).und nicht-eventorientierten Fans leider nicht mehr als bloße Illusion ist. Die Realität sieht leider so aus, dass das Erlebnis Fußball zunehmend nur den Bedürfnissen der ersten Klientel angepasst wird – zu Lasten derer, die Wochenende für Wochenende Hunderte oder gar Tausende Kilometer für ihren Verein zurücklegen.

    Richtig kritisch wird es, wenn nur noch die Gruppe der A&Ts, I&Rs, durch Vereinsführungen und Medien mit dem Prädikat „wahrer Fan“ bedacht werden und ungepasste Fußballfans stigmatisiert, kriminalisiert und verdrängt werden. Mit „ungepasstem Verhalten“ meine ich selbstverständlich nicht Gewalttätigkeiten.

    Ganz nebenbei habe ich bezüglich der Einteilung in „echte“ und „sogenannte“ Fans eine andere Wahrnehmung als du. Mir kommt es so vor, als wäre vor allem die Riege der Gelegenheitsfans ganz vorn dabei bei der undifferenzierten, plumpen und von Ahnungslosigkeit nur so strotzenden Abstempelung anderer Fans als „Chaoten“ oder „Unverbesserliche“ – vornehmlich in der anonymen Welt der Foren und Kommentarspalten.

    Sündenbock

    Oktober 18, 2013 at 1:25 pm


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