laurareinkens

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Archive for August 2013

Thank you for choosing Deutsche Bahn – Obwohl Sie es doch besser wissen müssten!

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Berlin, Alexanderplatz. Gegen 16 Uhr wollte ich mir eine Fahrkarte für die Strecke von Baden-Baden nach Berlin kaufen. Nein, eigentlich wollte ich nicht. Eigentlich hatte ich mir bereits vor Monaten geschworen, diesem Verein nie wieder Geld in den Rachen zu schmeißen.

 

Ich stolperte in das Reisezentrum, das auf den ersten Blick immer mehr Schalter verspricht, als es eigentlich besitzt, und stellte mich zunächst einem Lemming gleich bei brütender Hitze in die elegant durch das gesamte Zentrum geschwungene Schlange. Nach drei Sekunden kam mir das erste Mal „Jeder nur ein Kreuz“ in den Sinn. Nach sechs Sekunden suchte ich nach den Fahrkarten-Automaten vor dem Reisezentrum und wurde fündig, ein Mann rannte gerade überhastet davon.

 

„Glück muss man haben“, dachte ich und so sollte es beginnen. Fahrt ausgewählt, wieder obszöne Schimpfwörter in mich hinein brüllend, weil heutzutage Preise um 150 Euro für eine Fahrt mit Umstieg als „Sparpreis“ verkauft werden, Platz reserviert – Ruhezone oder Fenster, Ruhezone oder Fenster… Fenster – und meine Scheinchen wanderten in den Automaten, der daraufhin kein Wechselgeld und eine Vielzahl bis zur Unkenntlichkeit verschmierter Belege ausspie. „Am Arsch Poppes!“ Mein Blick muss diese Gedanken verraten haben. Hinter mir sagte ein mittelaltes Pärchen in mütterlichem Ton: „Oh, eine Störung! Ach, das tut uns aber leid!“ Ja, mir auch, vielen Dank!

 

Automatennummer notiert, schwerstens innerlich im Quadrat springend ging ich also an der gesamten Schlange vorbei (Kein einziger Einspruch! Was hatten sie inwischen mit den Leuten angestellt?) zum gerade frei werdenden Schalter und erklärte das Übel kurz. Was tat die Dame daraufhin? Sie entzifferte die Infos auf den Reservierungskarten und schrieb sie mir mit Kuli hinten auf das Ticket. „Dit müssen Se wissen. Mehr nisch. Dann noch nen schönen Tach.“ Ich war leicht verwundert. „… und was ist mit dem Wechselgeld, das der Automat gegessen hat? Und so eine Fahrkarte nimmt irgendein Kontrolleur an?“ – „Wie? Wat’n für’n Wechseljeld?“ Ich erklärte die Situation also erneut und bekam daraufhin einen Rückerstattungsantrag in die Hand gedrückt. „Dit wird ausjefüllt und so.“ Und so. Ich füllte es also aus und bemerkte, man könne ja ein Schild an den Automaten heften, damit nicht jeder reinkommt und das Prozedre über sich ergehen lassen muss. „Nönö.“

 

Ich bekam mein Wechselgeld tatsächlich ausgezahlt – etwa eine halbe Stunde später – und durfte mit meinen verschmierten Fahrscheinen zurück hinaus ins Leben. Die nächsten betuppten Kunden stürmten bereits erzürnt das Reisezentrum. Bei meiner finalen Verabschiedung versuchte ich es erneut: „Das muss ja nur ein kleiner Post-it sein.“ – „Welcher is’n dit?“ – „Der da hinten“, sagte ich und zeigte wie ein kleines Kind in die Ferne. Die Dame bewegte ihren Kopf ein Stück weit in die Richtung und schien die Entfernung abzuschätzen. „Nönö.“

 

Thank you for choosing Deutsche Bahn.

Written by laurareinkens

August 15, 2013 at 4:16 pm

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Das Joch der Schubladen – Eine Fahrt von Berlin nach Potsdam

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In meiner knappen Dekade Berlin musste ich etwa drei Jahre zwischen Kreuzberg und Potsdam pendeln. Mit der S1 vom Anhalter Bahnhof raus zum Wannsee, vorbei am an der Freien Uni leidenden Dahlem und einer Menge Bäume. Was macht der überarbeitete Städter besonders gern? Er geht im Gatten. Wer seinen Garten nicht vor oder hinter dem Haus hat, mietet eben einen Schrebergarten am Rande des Stadtbereichs, um dort Würstchen verkohlen zu lassen oder Hertha-Fahnen mit einem schwungvollen „Jawoll“ zu hissen. Zugegeben – das ist schon alles sehr „deutsch“. Auch die Häuschen auf den kleinen Parzellen sind sehr urig bis traditionell. Kleine Fachwerkhäuschen reihen sich in kleinen Gärtchen von nur ein paar Quadratmetern entlang der S-Bahn-Strecke raus nach Potsdam.

Der Anblick ist wahnsinnig erholsam für die Augen. In dieser umwerfenden (oft genug im physischen Sinne) Großstadt kann sich das Auge des Betrachters am kleinen Detail festhalten: den braunen Balken in der weiß getünchten Fassade, die kleine Holzbank neben der fein verzierten Holztür hinter dem kleinen Feld, das Tomaten oder Erdbeeren beherbergt. Ein Anblick wie ein tiefer Seufzer. Reih und Glied, Grundstück neben Grundstück. Fein säuberlich gestutzte Hecken und ein paar alte Bäume verstreut. Kirschen, Äpfel, all das hängt herab auf die kleinen Waben der spießigen Glückseligkeit. Auf dem Dach oder vor dem Haus wehen Fahnen, die die Herkunft der Mieter verraten – oder eben die Wahl des Fußballvereins. Deutschland oder direkt die Hertha, vereinzelt die Türkei, Italien, mal ein Spanier. Besitze ich selbst einen Gatten? Gott bewahre, aber die oberflächliche Betrachtung macht Laune.

Ich tuckerte also mehr als zwei Jahre sehr oft an den Kleingartenanlagen direkt neben den Schienen her. Teilweise quetscht sich die Gartenwut sogar noch zwischen Schienen und Avus. Ein willkommener Anblick voll kleinkarierter Romantik, der oft genug den Touristen nicht entgeht. Die Besucher unserer Hauptstadt sind in den allermeisten Fällen mit der Schrebergartenkunst vertraut, knipsen schnell ein paar Schnappschüsse von Fähnchen und akkuraten Beeten auf engstem Raum und sehen sich wahrscheinlich hie und da in ihren nicht unbedingt negativ besetzten Vorurteilen gegenüber Deutschen bestätigt.

Eines Tages teilte ich mir den Vierersitz in der S-Bahn mit einer Runde rüstiger Briten. Die Damen trugen kokette Hütchen mit farbenfrohem Blumendruck auf den Hutbändern. Die Münder very british geschürzt. Weiße Handschühchen und ein flottes Freizeitkostüm rundeten die Outfits ab. Der sie begleitende Herr, ebenfalls schon in den guten Sechzigern, trug etwas legerere Bermudashorts zu Socken und Sandalen, das kurzärmlige Hemd penibel aufgebügelt. Die S-Bahn nahm ihren Weg, wir näherten uns dem Wochenendstolz vieler Berliner.

„Oh my goodness“, rief eine der beiden Damen plötzlich ganz ergriffen aus. Betroffen wie sie war, griff sie nach dem Arm ihrer Freundin. Die Köpfe reckten sich, entsetzt starrten unsere Freunde aus dem United Kingdom aus dem Fenster. „Are those the Berlin slums?“

Die… Slums?

Ich vergrub mein Gesicht im Kicker und hörte, wie Kameras bemüht wurden, um die hässliche Fratze der deutschen Armut für die Daheimgebliebenen festzuhalten. Lachen? Weinen? Was wäre die richtige Emotion, um einer solchen Fehlinterpretation zu begegnen? Ich schaute einfach hinaus auf die blütenweißen Fachwerkhäuschen und die im Wind wehenden Fahnen.

Das ist also Deutschland. Ein Land, in dem die Slums in hübsche, kleine Parzellen unterteilt und die Kieswege ordentlich eingefasst sind, der Grill vor dem Haus steht und eine Tischdecke auf dem Tisch neben dem Häuschen liegt. Blumen, Beete, Bäume. Hier leben die Menschen, die im Deutschland dieser Zeit, das stark von einem sich stets beschleunigenden Auseinanderdriften von Arm und Reich geprägt ist, über Bord gegangen sind. Zwischen Hyazinthen und Brombeeren wird der heiße Scheiß gedealt. Die letzte Waffenlieferung ist gestern um exakt 16.30 Uhr bei Udo in Parzelle 231 eingetroffen. Das schnelle Vergnügen für erstaunlich wenig Geld findet man bei Erika oder Gisela hinten auf dem Tulpenweg – Knick-Knack. Sind das die Slums von Berlin? Ist das Deutschland?

Ist Deutschland die Summe aller Alltagserfahrungen, die wir in unserem Land machen? Ist Deutschland das Bild der Besucher, das sie hinaustragen in ihre eigene Heimat? Werden unsere Schrebergärten in 1000 Jahren als typisch deutsche Favelas gehandelt, weil Misses XY aus XY, UK diese Fabel in einem Urlaubsvideo festgehalten hat? Können wir dankbar sein, dass unser Land als derart reich gilt, dass die Besucher Deutschlands glauben, unsere Ärmsten würden zunächst einmal schauen, ob der Rasen an allen Ecken der bewachsenen Fläche auch dieselbe Höhe hat?

Auch viele Jahre nach dieser kleinen Episode finde ich noch keinen passenden Raum in mir, in dem ich diese Erfahrung abspeichern kann. Zwischen bemitleidenswerter Naivität und peinlicher Berührung, was im Ausland als „deutsch“ gilt, schwanke ich jedes Mal, wenn sich meine Erinnerung zurück zu dieser S-Bahn-Fahrt verirrt. Kein Mensch kann sich gewisser Schubladen erwehren. Der menschliche Geist funktioniert nicht ohne ein Grundmodell, das auf Wahrheit oder Lüge hin überprüft und verbessert wird. Aber in welchen Schubladen liegt unser Land? Als was gilt Deutschland heute?

Welche Vielzahl von Schubladen liegen noch für uns parat? Natürlich hält uns nicht jeder im Ausland für Nazis. Nicht jeder glaubt, dass wir uns auf die Schenkel klatschen und uns im Alltag in Lederhosen und Dirndl präsentieren – bundesweit. Aber im Einzelfall betrachtet, glaubten diese Briten, dass wenn wir Deutschen schon in Slums ziehen müssen, sie sicherlich einen kleinen weißen Zierzaun, eine Fahne und einen Gartenzwerg haben. Typical German eben.

Was hätten die drei rüstigen Briten wohl erst gesagt, wenn sie beim Hertha-Spiel in der Ostkurve des Olympiastadions gestanden, in Richtung Marathontor geblickt und hinter sich die Fans „Sieg! Sieg!“ brüllen gehört hätten? Oh my goodness! Hätten sie auch dafür noch eine Schublade bereit gehabt, die im schlimmsten Fall nichts mit dem eigentlichen Fußballvergnügen zu tun gehabt hätte? Können wir Deutschen irgendwann die von Massen für uns bereiteten Schubladen zerschlagen und zeigen, dass wir mehr als die Pünktlichkeit, die gewissenhafte Arbeit, der Reichtum und die Nazivergangenheit sind?

Written by laurareinkens

August 11, 2013 at 6:12 pm