laurareinkens

Fußball.

Archive for November 2013

Späti_Liebe

with 2 comments

Ich muss etwa 62 Meter von meiner Haustür bis zu meinem Späti laufen. 62 glorreiche Meter, die sich fast immer wie ein ganz kurzer Spaziergang anfühlen. Eine große Reklamewand lädt unterwegs zu staunend offenem Mund und gerunzelter Stirn ein. Wo nimmt Amazon dieses Bild eines für ihren Geschmack typischen Studenten her? Ponywelle von Justin Bieber, Skateboard und ein zu enger Pullover. Ich schaue wirklich jedes Mal hoch zu der jeweiligen Reklame und studiere sie auch beim 500. Anblick noch genau. Blinzle, stelle mir Fragen über Gehälter der jeweiligen Agentur-Angestellten, die dem Jungen die Haare komisch geföhnt und ihm ein Skateboard in die Hand gedrückt haben. Meistens rutscht mir dabei eine Flasche Sprudel – meiner sprachlichen Erziehung nach eine Limonade, die kaum gesüßt ist – halb aus dem Arm, abends sitzt ein kleines Bier fest in der Hand.

Auch an diesem nieselig-kalten Donnerstag ging ich vor der Heimkehr noch eben am Späti vorbei. Wieder wollte ich meinen Sprudel einsammeln und ein kleines Bierchen kaufen. Der Absacker war schnell gefunden, mit großen Augen ging ich hinüber zum Kühlschrank mit den diversen türkischen Wassersorten, Zuckerlimos und eben auch der von mir ganz besonders geschätzten Getränkesorte aus dem Hause Spreequell. Durch Zufall fiel mein Blick auf das Verfallsdatum. Zehn Tage drüber. Zehn Tage! Ich schaute mir die nächste Flasche dahinter an – zwei ganze Wochen. Ich räumte alle begutachteten Flaschen wieder rein und griff zur nicht so ganz gern getrunkenen, aber immerhin zweitliebsten Sorte. Ich erstarrte. Wir sprachen nicht mal mehr vom gleichen Monat. Flippste aus.

Ich gönnte dem Gemisch aus Wasser, Traubensaft, Holunder und wahrscheinlich einer Menge Bakterien, die inzwischen eine riesige Party feiern mussten, einen letzten abschätzigen Blick und drehte mich zum Chef an der Kasse um. Er schaute mich fragend an, weil er das große Rumräumen von Frau Kreuzberg offensichtlich nicht verstand. „Was suchst du?“ – „Eine Flasche, die in diesem Jahrhundert noch haltbar war“, antwortete ich halb scherzend, halb bestimmt. „Ja, du hast zu wenig davon gekauft in letzter Zeit. Ich kaufe die nur für dich.“ – „Nee, meinste ernst? Wieso trinkt das denn keiner? Ist doch das beste Alkoholfreie, das du hier im Laden hast.“ Er machte eine Geste, die verriet, dass er sich diesbezüglich offenbar nicht festlegen wollte. Versonnen strich er sich über seinen Bauch, auf dem alle Simpsons auf einer Achterbahn eindeutig richtig Spaß hatten. Mein Blick blieb kurz an seinem T-Shirt hängen, er schaute ebenfalls an sich nach unten und freute sich. Ich freute mich auch, hätte aber gerne mein Getränk gehabt.

Der Chef, in seinen guten Fünfzigern, groß gewachsen, unabhängig von den Simpsons recht jung geblieben, unterbrach unsere jeweiligen, stillen Gedanken und überraschte mich: „Kauf die doch, die sind doch noch gut.“ Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Auch sein Handlanger, der leider keine Sprache spricht, die ich verstehe, aber Deutsch oder Englisch ganz gut folgen kann, schaute verwundert auf. „Dir ist klar, dass du einen Euro mehr nimmst als der Supermarkt und das Traubenzeug dazu auch noch im Oktober abgelaufen ist.“ Ja, er nickte und verstand. „Dann nur das eine Bier für dich?“ Ja, nur das eine Bier. „Tschö, schönen Abend“ – „Jo, dir auch!“

Ich stapfte raus und schaute Amazon-Bieber mit Welle und glücklichem „Ick zahl nüschte für Prime“-Lächeln entgegen, zählte meine Schritte bis zur Haustür und fragte mich, wie die Leute irgendwann einmal ohne Spätis ausgekommen sind. Auch wenn die Schrippen nicht die besten sind, Lidl-Aufschnitt mit 200%-Aufschlag verkauft wird, steht da jemand im Großmarkt und denkt: „Der mit der Brille nehm ich noch den Sprudel mit.“ Das ist wahre Verbundenheit. „Kaufst du nicht sonst das Soft Pack?“ Ja, tue ich, vielen Dank. „Willst du zwei Schrippen mitnehmen? Die sind noch heiß!“ Ja, will ich, aber woher wusste er das, von dem mir nicht klar war, dass ich es genau jetzt brauche? Wir jammern über Fußball, wir lachen über die Teenager-Kiffer im Park. Vollidioten.

Das kann Bieber-Amazon nicht. Das können nur Leute aus dem Kiez, in deren Geschäft man morgens und nachts fällt, die einen seit mehr Jahren begleiten als eine Hand Finger hat. Und das alles tun sie, ohne wirklich Teil des eigenen Lebens zu sein. Das muss man erst einmal schaffen. Ich liebe meinen Späti.

Written by laurareinkens

November 28, 2013 at 8:31 pm

#WeidenfellerfürD – Ja, ernsthaft!

with 2 comments

Roman Weidenfeller wird erstmals für Deutschland spielen – ja, richtig, ich gehe ganz klar von einem Einsatz aus, dazu später mehr. Die Nominierung des 33-Jährigen für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien und England verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf Twitter. BVB-Fans feierten die überfällige Einladung, die Fans der anderen Vereine redeten diese Tatsache schnell klein. Man habe ja noch ter Stegen, Zieler und Adler. Da sei ja gar kein Platz für den Oldie aus Westfalen. Denkste! Lasst uns mal kurz zusammen nachdenken.

Wir nehmen einmal den Fall an, dass sich Manuel Neuer vorm Turnier verletzt – das wünschen wir keinem, nur ein Gedankenspiel (und Neuer andersherum nicht ganz fremd). Dann steht die deutsche Nationalmannschaft mit oben genannten Keepern da. Wen sollte Löw ins Tor stellen und wem noch einmal auf die Schulter klopfen vor Anpfiff? Sollte Manuel Neuer ausfallen, werden alle Karten der bestehenden Personalmöglichkeiten neu gemischt. Dann gilt nicht mehr die gegebene Hierarchie des ersten und zweiten Ersatzmannes. Dann braucht es Leistung auf den Punkt – im schlimmsten hier vorausgesetzten Verletzungsfall für ein gesamtes Turnier.

Mit Roman Weidenfeller könnte sich die Chance bieten, dass ein Torwart zwischen den Pfosten steht, der nicht nur durch endlose Jahre als Profi seine Erfahrungen gesammelt hat, er hat gerade in den letzten Jahren einen derartigen Schub bekommen, dass es kaum auszuhalten ist. Was hat er allein in den vergangenen Champions-League-Saisons schon für Borussia Dortmund rausgeholt. Man erinnere sich nur an die ersten 15 Minuten im Bernabeu im Halbfinale gegen Real Madrid. Es war zum Niederknien! Von den Ligaspielen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Dass er die Klasse hat, für Deutschland jederzeit spielen zu können, dürfte bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik inzwischen bekannt sein. Für Löw bietet sich zusätzlich die Möglichkeit, mit einer Nominierung und sogar mit etwaigen Einsätzen später kein Fass aufzumachen. Manuel Neuer ist unangefochten die Nummer Eins. Das will ja niemand ins Wanken bringen. Hier stellt sich die Frage, wer im Notfall ein guter Ersatz wäre und nicht sofort an Neuer rütteln möchte. Dafür dürfte Weidenfeller mit seinen bescheidenen Aussagen in Bezug auf die Nationalmannschaft einfach genau der Typ sein.

Es sei „sein Traum“, sagte er 2011 im Interview mit dem Kicker. Aber das Kapitel sei für ihn beendet. Er forderte nichts, er hoffte wahrscheinlich insgeheim und nun ist es plötzlich doch so weit. Jetzt wurde das Kapitel von außen aufgeschlagen. Dabei sein dürfte für ihn aber alles sein. Ein Highlight, das er neben all den anderen Glorien wohl gerne mitnehmen wird, und danach wie selbstverständlich wieder den Platz räumen würde.

Die Fußballfans im In- und Ausland amüsierten sich auch letzte Saison über „den besten Torhüter der Welt, der nicht für sein Land spielt“, als zum Finale der Champions League der globale mediale Fokus in den letzten Tagen vorm entscheidenden Spiel nur noch auf München und Dortmund gerichtet war. Weidenfeller nahm es gelassen. Finale der Champions League. In Wembley. Gegen die Freinde aus München. Was will ein Torhüter denn mehr? Das sind Punkte, die sich einfach sensationell im Lebenslauf lesen. Welche anderen unserer Ersatzkeeper können in letzter Zeit oder überhaupt (!) solche Spielzeiten mit solch massivem Druck vorweisen?

Eben.

Und wenn er in Punktspielen nicht zum Einsatz käme? Als ob Weidenfeller den Mund aufreißen würde! Das macht seine Ausgangslage ja gerade so einmalig. Weidenfeller geht noch einmal auf Tour, kann sofort aushelfen, falls er gebraucht wird und lässt den anderen ohne Murren den Vortritt, wenn ihr Name weiter oben steht.

Jetzt, diesen November, sollte er allerdings mindestens eine Halbzeit, wenn nicht gar ein ganzes Spiel zum Einsatz kommen. Ob nun gegen Italien oder England – die Höflichkeit und der Respekt vor seinen herausragenden Spielen vor dieser späten ersten Nominierung im Herbst seiner Karriere verlangen dies einfach. Ich bin mir sicher, dass Löw & Co. das genauso betrachten.

Persönlich wünsche ich ihm das Spiel gegen England am 19. November in London. Flutlicht, Regen, Kälte, Rooney, Hinschmeißen, Raushauen, Rumbrüllen. Menschenskinder, das wäre doch was!

Written by laurareinkens

November 8, 2013 at 12:16 pm