laurareinkens

Fußball.

Hold Me Closer, Tiny Dancer – Das Parship-Experiment

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Ich bin Single und finde das eigentlich ziemlich dufte. Mein Bett, meine Serie, mein Kühlschrank, meine Dachterrasse und du darfst gerne mal zu Besuch kommen, mitmachen und wieder gehen. Ich habe drei Auftraggeber, fast jeden Abend in der Woche irgendwas vor und mache alles zwischen Westend und Prenzlauer Berg unsicher.

Ich bin 30 Jahre und 8 Monate alt und nicht zerknirscht.

Berlin lebt von Singles und Singles leben von Berlin. Die Stadt treibt uns zusammen in Banden von Gleichgesinnten, die abends durch die Bars streifen, Kette rauchen, Weinflaschen leeren und sich Geschichten aus dem Eheleben der Freunde erzählen lassen. Geschichten aus 1001 Nacht, Geschichten wie aus Hollywood. Unser Blick wandert, erspäht jemanden an der Bar. Kieksen.

Stephanie. Stephanie ist eine schöne Frau im besten Alter, potzblitz gescheit und erfolgreiche Agentur-Inhaberin, Weltenbummlerin mit einem Lebenslauf, gegen den meiner nach Kindergeburtstag aussieht.

Und mein Lebenslauf ist sexy.

Diese wunderbare Frau erzählt mir von ihrem Vorhaben: „Ich will parshippen.“ Bei Parship lerne man echte Singles kennen, bei Elite Partner nur Schmand. Aha. Das alles klingt um 23 Uhr nach zwei Flaschen Wein völlig plausibel, ich frage nicht nach Quellen. Dann mache ich eben mit. Ich bin Single, finde neue Menschen aufregend und im Bestfall liegt das Ergebnis zwischen Knutschen und Bekannten. Neuem Netzwerk! Der Job fummelt mit.

Wie man mich so kennt, habe ich dieses Thema ein paar Tage geschoben, weil ich gut darin bin, ansatzlos für Kunden zu formulieren, und schlecht darin bin, auf Knopfdruck einen Anmeldeprozess mit Ausmaß einer Elefantenschwangerschaft über mich ergehen zu lassen.

Nachdem ich mich also entschieden habe, ob ich mich lieber ausruhe in meiner Freizeit, ins Kino gehe oder TV gucke, was mein Lebensmotto ist und ob ich ein Morgenmuffel bin, ist mir bereits klar, dass mein Traumprinz dort nicht auf mich warten wird.

Einwurf: Warum heißt es eigentlich nicht Traumkönig? Wer will schon Harry abbekommen, der entweder nackt oder in Nazi-Uniform auffällt? Könige regieren. Könige haben keine Zeit, ihr Schicksal vom Parship-Prinzip abhängig zu machen. Ich will einen König.

Zunächst einmal werden mir alle Kinder Berlins eingespielt. 28. 29. Mit viel Glück 31. Alles keine Könige. Irgendwo die Sucheinstellungen gefunden und hochgeschraubt.

Dann ist der Spaß vorbei.

Sie sind Mitte Vierzig plus. Sie suchen jetzt, weil die Chancen nicht besser werden und sie sich gerade teuer haben scheiden lassen. Haben zwei Kinder im anstrengenden Alter und können wegen ihres Jobs am Tag nur 10 Minuten aufbringen, um bei Parship nachzuschauen, ob die Traumfrau gerade über ihr Profil gehuscht ist und ihnen ein „Lächeln“ geschickt hat. Bei Facebook haben wir uns vor 100 Jahren Schafe zugeschmissen. Das war irgendwie ehrlicher.

Ich nehme also mal Kontakt auf – so bin ich es aus sozialen Netzwerken gewohnt, die nicht auf Eheglück abzielen. Ich schreibe wild Menschen an, um zu sehen, was man da so für Antworten bekommt. Dabei dudelt sogar Elton John im Ohr. Man muss sich ja auch darauf einlassen. Ich habe wenig königliche Antworten erhalten, nicht annähernd royal. Ohne lustiges Vorspiel oder sprachliche Verschleierung wollen sie Liebe und ihr Glück finden. Kommen mit einem flotten Scherz nicht klar, weil er Unsicherheit bedeutet auf der Suche nach Pyjamas mit zueinander passendem Muster.

Mit einem dieser Männer habe ich bisher WhatsApp-Nachrichten ausgetauscht. Es ist erst gar nicht zum Treffen gekommen, weil er nicht dazu in der Lage war, mich in einer Bar, die er nicht kannte, zu treffen. Er wollte mich zu Hause abholen. Mit dem Auto. Verstand nicht, warum ich das konsequent und rundheraus abgelehnt habe. Wurde ungehobelt.

Wie soll dieser Mann jemals eine Frau kennenlernen? Hoffentlich direkt in einer ihm bekannten Bar, dann ist wenigstens diese Hürde genommen. Das fehlende Benehmen bleibt, aber die Berliner Single-Frau an sich ist ja eine stramme Trinkerin.

Ich gebe mir und dem Parship-Prinzip noch genau eine Woche. Dann verschwinde ich wieder in die Berliner Nacht und darf wieder sarkastisch sein, weil ich nicht fürchten muss, einen Unbekannten am anderen Ende zum Weinen zu bringen. Gemeinsame Wochenenden zu planen, ist der zweite Schritt. Ein Gin&Tonic sollte der erste sein. Ich möchte flirten. Kieksen. Schnell im Spiegel checken, ob der Lippenstift verschmiert ist.  Ihn danach verschmieren.

Wann haben die beschriebenen Parshipper all das aufgegeben? Wann hat jeder einzelne Mitspieler den Punkt überschritten, an dem er sagte: „Herr Frodo, so weit war ich noch nie weg von zu Hause“? Meinem zukünftigen zu Hause. Meinem Leben, wie ich es mir mal erträumt habe. Wann gingen Spiel, Jagd und Humor verloren? Ab wann kann man sich nicht mehr ungezwungen auf einen Drink treffen, ohne sich vorher einander und den Pärchen-Pyjamas versprochen zu haben?

Vielleicht habe ich ja jetzt als Neuangemeldete auch einfach genau die zugespielt bekommen, die seit Jahren brav ihren Kundenbeitrag zahlen und hoffen. Da ich seit einiger Zeit nichts mehr von Stephanie gehört habe und die letzte Nachricht „Morgen Date. Erzähle später.“ war, kann es für andere Menschen ja klappen und ich persönlich bin einfach nicht Teil der Zielgruppe.

Ich hoffe für fast alle, mit denen ich dort Nachrichten ausgetauscht habe, dass sie jemanden finden, der oder die ihnen neben dem Pyjama auch noch ein zweites Paar Puschen hinstellt, nach dem ersten Date eine Schublade freimacht. Hoffentlich müssen die Suchenden ihre auf Diamantenhärte kristallisierte Erwartungshaltung nicht mehr in gesichtslosen Single-Plattformen preisgeben. Hoffentlich sitzt morgen jemand in der Bahn und lächelt sie in echt an.

Vielleicht sollten sie auch einfach im Umfeld schauen. Jeder von uns hat zwei oder drei Kandidaten und Kandidatinnen im Bekanntenkreis, die immer zwischen „heiß“ und „Vertraue ich mein Twitter-Passwort an“ schwimmen. Teilweise seit Jahren. Vielleicht sollten wir ihnen einfach mal ein Lächeln schenken.

Nein, ich meine nicht den Kamke.

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Written by laurareinkens

März 21, 2016 um 3:26 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

7 Antworten

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  1. Laura, sehr schön ge- und beschrieben, vielen Dank.
    Und wer weiß, irgendwann bekomme ich ja vielleicht doch noch ein Lächeln. Nicht, dass ich ein Twitter-Passwort geringschätzen würde, aber so ein Lächeln, hach!

    heinzkamke

    März 21, 2016 at 3:46 pm

  2. Immerhin hättest Du eine Verabredung, auch wenn sie geplatzt ist.
    Aufwand und Ertrag (also Verabredungen) standen für mich in keinem Verhältnis. Vielleicht war ich in meinem Profil auch zu ehrlich; auf manche Fragen wusste ich tatsächlich keine Antwort. Aber ich weiß auch, daß ich schwer vermittelbar bin (und weiß auch teilweise, woran es liegt).

    Um Kamke würden wir konkurrieren, aber der ist bekanntlich, wie er wiederholt en passant glaubhaft versichert, sehr glücklich vergeben…

    Stadtneurotiker

    März 21, 2016 at 3:59 pm

    • Ja, ich habe ein paar Sachen nicht weitergeführt,weil ich – Parship-Prinzip hin oder her – nichts mit dieser Person anfangen konnte.
      Die Auswahlmöglichkeiten sind gaga. Die Fragestellungen nicht hilfreich.

      laurareinkens

      März 21, 2016 at 4:09 pm

    • Aber kieksen könnten wir scho au. Also wenn ich’s könnte.

      heinzkamke

      März 21, 2016 at 4:37 pm

  3. […] Laura hat etwas ausprobiert: Hold Me Closer, Tiny Dancer – Das Parship-Experiment. […]


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