laurareinkens

Fußball.

Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Premier League kämpft gegen Homophobie – mit Schnürsenkeln

leave a comment »

„Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich einem Spieler noch nicht guten Gewissens zu einem öffentlichen Coming-Out raten.“ Das sagte Reinhard Rauball Ende Juli gegenüber der SportBild. Oliver Kahn schlug vor etwa einer Woche gegenüber der Gala in die gleiche Kerbe: Zwar sei Homosexualität an sich inzwischen „keine große Sache mehr“ – puh, Glück gehabt – „aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist. Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans.“

Mit einer Kanzlerin, die sich beim Gedanken an ein glückliches schwules Pärchen mit einem oder gleich mehreren Adoptivkindern „nicht so ganz wohlfühlt“ und großen Persönlichkeiten im Sport, die die Sache mit der offenen Homosexualität im Profifußball nun auch nicht so ganz sehen, fragt man sich, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Einen tollen Einfall hatten nun eine Aktivisten-Gruppe aus England und ein Wettanbieter, um dem Thema die Öffentlichkeit zu geben, die es verdient.

Stonewall, eine Gruppe, die sich seit 1989 in England für LGBT-Rechte einsetzt, hat sich mit Wettanbieter Paddy Power zusammengetan, um an diesem Wochenende ein Zeichen zu setzen! Durch die Kampagne „Right Behind Gay Footballers“ (#RBGF) soll die allgemeine Akzeptanz für schwule Fußballer bei den Fans, den Vereinen und in der Gesellschaft allgemein gefördert werden. Ein Hashtag lässt sich schwer auf den Rasen bringen, daher haben Stonewall und Paddy Power Schnürsenkel entworfen, die im eindeutigen Regenbogen-Design daherkommen.

Diese Schnürsenkel wurden an alle 134 Klubs in UK und damit an mehr als 5000 Fußballer geschickt, um ein Zeichen zu setzen, dass Homophobie in ihrem Sport keinen Platz haben darf. Everton hat sich als erster Verein zurückgemeldet und angekündigt, dass sie die Rainbow Laces am Samstagnachmittag bei West Ham tragen werden. Paddy Power wirbt inzwischen sogar mit tollen Aussagen von Jagielka & Co. Ein Beispiel:

rainbow

Quelle: @paddypower

Der Sprecher von Paddy Power sagte zur Aktion: „We love football but it needs a kick up the arse. In most other areas of life people can be open about their sexuality and it’s time for football to take a stand and show players it doesn’t matter what team they play for. Fans can show they are right behind this by simply tweeting using the #RBGF hashtag whilst all players have to do is lace up this weekend to help set an example in world sport.“

Auch Joey Barton hat bereits Bilder von sich und seinen Rainbow Laces getwittert, Gary Lineker wird beschnürsenkelt Match Of The Day moderieren. Welche Vereine sich – vielleicht sogar geschlossen – an der Kampagne beteiligen werden, wird der nun kommende Spieltag zeigen. In jedem Fall bleibt die Hoffnung, dass #RBGF den Erfolg haben wird, der sich glücklicherweise schon abzeichnet, und ein ähnliches Format vielleicht auch bald die Rauballs und Kahns davon überzeugen kann, dass es nicht die Gesellschaft ist, die Homosexualität im Fußball nicht annimmt, sondern etwaig Leute wie sie, die durch immer neue negative Aussagen das Rad der Zeit zurück und zurück drehen.

Stonewall Deputy Chief Executive Laura Doughty erklärt ihr Ziel: „It’s time for football clubs and players to step up and make a visible stand against homophobia in our national game. That’s why we’re working with Paddy Power on this fun and simple campaign. By wearing rainbow laces players will send a message of support to gay players and can begin to drag football in to the 21st century.“

Drag football in to the 21st century!

#RBGF

Written by laurareinkens

September 19, 2013 at 12:32 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

„Fortuna in der Krise“? – Don’t f°cking panic!

with 2 comments

Ein Fortuna-Fan kam in die Uschi Nation in Kreuzberg und sagte zur gespannt dem Spiel folgenden Meute: „Wat macht ihr denn für Gesichter? Ihr guckt ja, als würden wir zehn zu null hinten liegen.“ Er brüllte laut „Fortunaaaa“, niemand antwortete „Düüüüsseldoorf“. Es waren ein paar Minuten gespielt, es stand 0:0.

Die Fortuna ging in Führung, es wurde lauter, es wurde gejubelt, aber wirklich getraut hat niemand der anwesenden Havelpralinen dem Braten. Auch wir kauten büskisch auf unseren Kaugummis rum, verschlangen die Biere. Das konnte so nicht gut gehen. Es ging nicht gut. Keine zehn Minuten vor Schluss kassierten die Fortunaten den Ausgleich von absolut limitiert auftretenden Dresdnern. Das war es. Gegen den Tabellenletzten keine drei Punkte gesichert. Gut ist anders.

Was allerdings die farbenfrohe Presse am nächsten Tag daraus gemacht hat, geht nun wirklich auf keine Kuhhaut. „Düsseldorf in Not“, „Wackelt Büskens“ und wie sie nicht alle titelten.

Freunde und Kollegen, macht mal einen Punkt!

Wir sprechen von einem Verein, der nicht nur einen direkten Abstieg aus der ersten Liga hinnehmen musste, Fortuna hat sich außerdem vom eingesessenen Trainer getrennt, die Verletzungsmisere hat dazu geführt, dass auf so vielen Positionen notgedrungen gewechselt wurde, dass Büskens bisher nur reagieren musste, kaum agieren konnte.

Genauer formuliert: Wer die Abwehrreihe jede Woche neu aufstellen muss, weil sich Spieler XY verletzt, kann nicht gleichzeitig eine komplett neue Doppelsechs bringen. Auch wenn hier gegen Dresden reagiert wurde und Bodze raus musste – was ich persönlich nicht nachvollziehen kann – und Lumpi vom Flügel neben Fink wechselte. Will man dann zum Beispiel wirklich einen knallfrischen Spieler reinschmeißen, der zuvor kaum Erfahrungen mit der ersten Mannschaft sammeln durfte? Sollte nicht zuerst einmal ein Rhythmus gefunden werden?

Zumal auch vorne nach der Verletzung von Benschop und zuletzt auch noch Kenia erneut reagiert werden musste und Jimmy Hoffer neben Aristide Bancé gegen Dynamo im Sturm auflief. Gianniotas ist bereits durch die zwei Verletzungen von Bellinghausen aktuell fest drin und zeigt, wie man Flanken schlägt und Standards schießt (Halleluja!). Reisinger, das kleine Duracell-Häschen, schlägt Alarm und versucht nimmermüde das Spiel schnell zu machen. Kann man ihm Alleingänge vorwerfen? Ja, wahrscheinlich schon. Da er aber im Vergleich zu ein paar anderen Kandidaten einen guten Abschluss hat, soll er es nach meinem persönlichen Empfinden ruhig probieren. Kann er, wie aktuell zeitweise positionsabhängig gezwungen, den tödlichen Pass spielen? Nein, kann er nicht. Deswegen würde ich aber noch lange nicht auf ihn verzichten wollen.

Bleibt es bei dieser Aufstellung (inklusive Bodzek statt Lumpi, da man ihn wegen ein paar doofen Spielen nicht vergnarzen sollte) und tauscht Bancé gegen Kenia, der auf eine frei interpretierte Zehn geht, sehe ich eine Aufstellung im annähernden 4-2-3-1, die vollkommen funktionieren kann. Voraussetzung für mich ist allerdings, dass das gähnende Kreativloch im Mittelfeld gestopft wird. Gerade Gianniotas und Kenia bieten dem Trainer ein Geschick am Ball, das nun in eingebrannte Spielabläufe übergehen muss. Ich möchte in den nächsten Wochen erkennen, dass ein festes System, eine feste Taktik eingeimpft wird, dass die Spieler wissen, wohin sie wollen, wenn der Ball gewonnen wird. Klingt beinahe kindisch simpel, oder? Wer jedes Fortuna-Spiel schaut, weiß aber, wovon ich spreche.

Den ganz großen Kopf dieser Mannschaft gibt es nicht. Es gibt keinen, dem ich spontan das Prädikat Spielgestalter aufdrücken würde. Dennoch bin ich felsenfest überzeugt, dass bis ins Letzte eingeimpfte Spielzüge der Mannschaft helfen, das Versagen in der gezwungenen Spontaneität zu umgehen.

Stürmer kaufen, damit wieder Tore reinkommen, ist in Fortunas Fall meinem Empfinden nach zu kurz gedacht. Tore müssen durch geordneten Aufbau vorbereitet werden. Dann klappt’s auch mit den Nachbarn, was aktuell den Tabellenkeller bedeutet.

Jetzt allerdings schon die große Panik zu schieben, wäre wirklich verfrüht. Es sind fünf Punkte auf den Relegationsplatz, der diese Saison nicht einmal als Ziel ausgegeben wurde. Schafft Büskens es nun, eine Taktik zu finden, mit der Fortuna zu mehr Abschlüssen und Treffern kommt, wird sich die Lage nicht nur kurzfristig entspannen. Eine Aufbausaison im sicheren Mittelfeld wird dem Verein die Ruhe geben, zur Spielzeit 2014/15 einen adäquaten Werner-Nachfolger zu finden, der haargenau erkennt, auf welchen Positionen nachgebessert werden muss. Klammer auf: Dass man bei einem Schmadtke hätte nachfragen sollen, auch wenn WW noch ein Jahr Vertrag hat, liegt auf der Hand. Diesen ganzen Bereich sollten wir aber lieber beim Bier besprechen. Klammer zu.

Also Mike, auf geht’s! Die Aufgabe ist groß, aber mit den Voraussetzungen im Kader machbar. Triff die unpopuläre Entscheidung und setze Bello und Lumpi auf die Bank, zeig den Jungs, wo das Tor steht und wer überhaupt treffen soll. Hat das Mittelfeld nur erst einen Plan, wird F95 kaum wiederzuerkennen sein.

In ein paar Wochen soll die Uschi beben, wenn nur irgendjemand „Fortuuunaaa“ brüllt.

Thank you for choosing Deutsche Bahn – Obwohl Sie es doch besser wissen müssten!

with 2 comments

Berlin, Alexanderplatz. Gegen 16 Uhr wollte ich mir eine Fahrkarte für die Strecke von Baden-Baden nach Berlin kaufen. Nein, eigentlich wollte ich nicht. Eigentlich hatte ich mir bereits vor Monaten geschworen, diesem Verein nie wieder Geld in den Rachen zu schmeißen.

 

Ich stolperte in das Reisezentrum, das auf den ersten Blick immer mehr Schalter verspricht, als es eigentlich besitzt, und stellte mich zunächst einem Lemming gleich bei brütender Hitze in die elegant durch das gesamte Zentrum geschwungene Schlange. Nach drei Sekunden kam mir das erste Mal „Jeder nur ein Kreuz“ in den Sinn. Nach sechs Sekunden suchte ich nach den Fahrkarten-Automaten vor dem Reisezentrum und wurde fündig, ein Mann rannte gerade überhastet davon.

 

„Glück muss man haben“, dachte ich und so sollte es beginnen. Fahrt ausgewählt, wieder obszöne Schimpfwörter in mich hinein brüllend, weil heutzutage Preise um 150 Euro für eine Fahrt mit Umstieg als „Sparpreis“ verkauft werden, Platz reserviert – Ruhezone oder Fenster, Ruhezone oder Fenster… Fenster – und meine Scheinchen wanderten in den Automaten, der daraufhin kein Wechselgeld und eine Vielzahl bis zur Unkenntlichkeit verschmierter Belege ausspie. „Am Arsch Poppes!“ Mein Blick muss diese Gedanken verraten haben. Hinter mir sagte ein mittelaltes Pärchen in mütterlichem Ton: „Oh, eine Störung! Ach, das tut uns aber leid!“ Ja, mir auch, vielen Dank!

 

Automatennummer notiert, schwerstens innerlich im Quadrat springend ging ich also an der gesamten Schlange vorbei (Kein einziger Einspruch! Was hatten sie inwischen mit den Leuten angestellt?) zum gerade frei werdenden Schalter und erklärte das Übel kurz. Was tat die Dame daraufhin? Sie entzifferte die Infos auf den Reservierungskarten und schrieb sie mir mit Kuli hinten auf das Ticket. „Dit müssen Se wissen. Mehr nisch. Dann noch nen schönen Tach.“ Ich war leicht verwundert. „… und was ist mit dem Wechselgeld, das der Automat gegessen hat? Und so eine Fahrkarte nimmt irgendein Kontrolleur an?“ – „Wie? Wat’n für’n Wechseljeld?“ Ich erklärte die Situation also erneut und bekam daraufhin einen Rückerstattungsantrag in die Hand gedrückt. „Dit wird ausjefüllt und so.“ Und so. Ich füllte es also aus und bemerkte, man könne ja ein Schild an den Automaten heften, damit nicht jeder reinkommt und das Prozedre über sich ergehen lassen muss. „Nönö.“

 

Ich bekam mein Wechselgeld tatsächlich ausgezahlt – etwa eine halbe Stunde später – und durfte mit meinen verschmierten Fahrscheinen zurück hinaus ins Leben. Die nächsten betuppten Kunden stürmten bereits erzürnt das Reisezentrum. Bei meiner finalen Verabschiedung versuchte ich es erneut: „Das muss ja nur ein kleiner Post-it sein.“ – „Welcher is’n dit?“ – „Der da hinten“, sagte ich und zeigte wie ein kleines Kind in die Ferne. Die Dame bewegte ihren Kopf ein Stück weit in die Richtung und schien die Entfernung abzuschätzen. „Nönö.“

 

Thank you for choosing Deutsche Bahn.

Written by laurareinkens

August 15, 2013 at 4:16 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

Tagged with , , ,

Das Joch der Schubladen – Eine Fahrt von Berlin nach Potsdam

leave a comment »

In meiner knappen Dekade Berlin musste ich etwa drei Jahre zwischen Kreuzberg und Potsdam pendeln. Mit der S1 vom Anhalter Bahnhof raus zum Wannsee, vorbei am an der Freien Uni leidenden Dahlem und einer Menge Bäume. Was macht der überarbeitete Städter besonders gern? Er geht im Gatten. Wer seinen Garten nicht vor oder hinter dem Haus hat, mietet eben einen Schrebergarten am Rande des Stadtbereichs, um dort Würstchen verkohlen zu lassen oder Hertha-Fahnen mit einem schwungvollen „Jawoll“ zu hissen. Zugegeben – das ist schon alles sehr „deutsch“. Auch die Häuschen auf den kleinen Parzellen sind sehr urig bis traditionell. Kleine Fachwerkhäuschen reihen sich in kleinen Gärtchen von nur ein paar Quadratmetern entlang der S-Bahn-Strecke raus nach Potsdam.

Der Anblick ist wahnsinnig erholsam für die Augen. In dieser umwerfenden (oft genug im physischen Sinne) Großstadt kann sich das Auge des Betrachters am kleinen Detail festhalten: den braunen Balken in der weiß getünchten Fassade, die kleine Holzbank neben der fein verzierten Holztür hinter dem kleinen Feld, das Tomaten oder Erdbeeren beherbergt. Ein Anblick wie ein tiefer Seufzer. Reih und Glied, Grundstück neben Grundstück. Fein säuberlich gestutzte Hecken und ein paar alte Bäume verstreut. Kirschen, Äpfel, all das hängt herab auf die kleinen Waben der spießigen Glückseligkeit. Auf dem Dach oder vor dem Haus wehen Fahnen, die die Herkunft der Mieter verraten – oder eben die Wahl des Fußballvereins. Deutschland oder direkt die Hertha, vereinzelt die Türkei, Italien, mal ein Spanier. Besitze ich selbst einen Gatten? Gott bewahre, aber die oberflächliche Betrachtung macht Laune.

Ich tuckerte also mehr als zwei Jahre sehr oft an den Kleingartenanlagen direkt neben den Schienen her. Teilweise quetscht sich die Gartenwut sogar noch zwischen Schienen und Avus. Ein willkommener Anblick voll kleinkarierter Romantik, der oft genug den Touristen nicht entgeht. Die Besucher unserer Hauptstadt sind in den allermeisten Fällen mit der Schrebergartenkunst vertraut, knipsen schnell ein paar Schnappschüsse von Fähnchen und akkuraten Beeten auf engstem Raum und sehen sich wahrscheinlich hie und da in ihren nicht unbedingt negativ besetzten Vorurteilen gegenüber Deutschen bestätigt.

Eines Tages teilte ich mir den Vierersitz in der S-Bahn mit einer Runde rüstiger Briten. Die Damen trugen kokette Hütchen mit farbenfrohem Blumendruck auf den Hutbändern. Die Münder very british geschürzt. Weiße Handschühchen und ein flottes Freizeitkostüm rundeten die Outfits ab. Der sie begleitende Herr, ebenfalls schon in den guten Sechzigern, trug etwas legerere Bermudashorts zu Socken und Sandalen, das kurzärmlige Hemd penibel aufgebügelt. Die S-Bahn nahm ihren Weg, wir näherten uns dem Wochenendstolz vieler Berliner.

„Oh my goodness“, rief eine der beiden Damen plötzlich ganz ergriffen aus. Betroffen wie sie war, griff sie nach dem Arm ihrer Freundin. Die Köpfe reckten sich, entsetzt starrten unsere Freunde aus dem United Kingdom aus dem Fenster. „Are those the Berlin slums?“

Die… Slums?

Ich vergrub mein Gesicht im Kicker und hörte, wie Kameras bemüht wurden, um die hässliche Fratze der deutschen Armut für die Daheimgebliebenen festzuhalten. Lachen? Weinen? Was wäre die richtige Emotion, um einer solchen Fehlinterpretation zu begegnen? Ich schaute einfach hinaus auf die blütenweißen Fachwerkhäuschen und die im Wind wehenden Fahnen.

Das ist also Deutschland. Ein Land, in dem die Slums in hübsche, kleine Parzellen unterteilt und die Kieswege ordentlich eingefasst sind, der Grill vor dem Haus steht und eine Tischdecke auf dem Tisch neben dem Häuschen liegt. Blumen, Beete, Bäume. Hier leben die Menschen, die im Deutschland dieser Zeit, das stark von einem sich stets beschleunigenden Auseinanderdriften von Arm und Reich geprägt ist, über Bord gegangen sind. Zwischen Hyazinthen und Brombeeren wird der heiße Scheiß gedealt. Die letzte Waffenlieferung ist gestern um exakt 16.30 Uhr bei Udo in Parzelle 231 eingetroffen. Das schnelle Vergnügen für erstaunlich wenig Geld findet man bei Erika oder Gisela hinten auf dem Tulpenweg – Knick-Knack. Sind das die Slums von Berlin? Ist das Deutschland?

Ist Deutschland die Summe aller Alltagserfahrungen, die wir in unserem Land machen? Ist Deutschland das Bild der Besucher, das sie hinaustragen in ihre eigene Heimat? Werden unsere Schrebergärten in 1000 Jahren als typisch deutsche Favelas gehandelt, weil Misses XY aus XY, UK diese Fabel in einem Urlaubsvideo festgehalten hat? Können wir dankbar sein, dass unser Land als derart reich gilt, dass die Besucher Deutschlands glauben, unsere Ärmsten würden zunächst einmal schauen, ob der Rasen an allen Ecken der bewachsenen Fläche auch dieselbe Höhe hat?

Auch viele Jahre nach dieser kleinen Episode finde ich noch keinen passenden Raum in mir, in dem ich diese Erfahrung abspeichern kann. Zwischen bemitleidenswerter Naivität und peinlicher Berührung, was im Ausland als „deutsch“ gilt, schwanke ich jedes Mal, wenn sich meine Erinnerung zurück zu dieser S-Bahn-Fahrt verirrt. Kein Mensch kann sich gewisser Schubladen erwehren. Der menschliche Geist funktioniert nicht ohne ein Grundmodell, das auf Wahrheit oder Lüge hin überprüft und verbessert wird. Aber in welchen Schubladen liegt unser Land? Als was gilt Deutschland heute?

Welche Vielzahl von Schubladen liegen noch für uns parat? Natürlich hält uns nicht jeder im Ausland für Nazis. Nicht jeder glaubt, dass wir uns auf die Schenkel klatschen und uns im Alltag in Lederhosen und Dirndl präsentieren – bundesweit. Aber im Einzelfall betrachtet, glaubten diese Briten, dass wenn wir Deutschen schon in Slums ziehen müssen, sie sicherlich einen kleinen weißen Zierzaun, eine Fahne und einen Gartenzwerg haben. Typical German eben.

Was hätten die drei rüstigen Briten wohl erst gesagt, wenn sie beim Hertha-Spiel in der Ostkurve des Olympiastadions gestanden, in Richtung Marathontor geblickt und hinter sich die Fans „Sieg! Sieg!“ brüllen gehört hätten? Oh my goodness! Hätten sie auch dafür noch eine Schublade bereit gehabt, die im schlimmsten Fall nichts mit dem eigentlichen Fußballvergnügen zu tun gehabt hätte? Können wir Deutschen irgendwann die von Massen für uns bereiteten Schubladen zerschlagen und zeigen, dass wir mehr als die Pünktlichkeit, die gewissenhafte Arbeit, der Reichtum und die Nazivergangenheit sind?

Written by laurareinkens

August 11, 2013 at 6:12 pm

Ein vielköpfiges Kompliment – So lasset sie doch feiern!

with 24 comments

Heute habe ich einen neuen Begriff gelernt: „Anjas und Tanjas“. Mir wurde verkauft, so würden junge Frauen genannt, die zu einem Fußballspiel oder einer Übertragung mit „Eventcharakter“ gehen. Und scheinbar dürfen sie das nicht, weil es Leute gibt, die sich für bessere Fans halten.

Wir lassen den ganzen Bereich der dringendst zu erwähnenden sexistischen Kackscheiße jetzt mal außen vor und behandeln das Thema so, als wären Anja und Tanja zwei Personen und kein Schlagwort. Es gibt also Leute, die sich zu Turnieren oder wie jüngst zum Champions-League-Finale aufmachen, ein bisschen rot-weiß oder schwarz-gelb anmalen und den Abend lustig gestimmt mit vielen anderen verbringen wollen. Dabei werden sie ein paar Biere trinken, rumgrölen, singen und im Bestfall am Ende jubeln. Schock, schwere Not! Oder sie leben in einer Stadt, deren Verein nach 15 Jahren Erstilga-Abstinenz den Weg in die 1. Bundesliga gemeistert hat, hängen ein Fähnchen raus und gehen mal ins Stadion. Um Himmels Willen!

Warum sollte es mich berühren? Warum sollte ich mich derart echauffieren, dass ich einen langen Blogartikel unter Anderem dazu verfasse? Wenn es zum ersten rein deutschen Finale der Champions League in Berlin eine Fanmeile gibt, sollen sie doch. Dann kann man sich sicher sein, dass Anja und Tanja ein wenig viel für ihr Bier zahlen müssen, aber die große Sause bekommen sie bestimmt geboten. Für mich ist das nichts, aber das muss es ja auch nicht. Jeder darf den Fußball auf die Art und so oft erleben, wie er oder sie es für sich für richtig hält.

Abstrakter gefragt: Warum sollte ich einen anderen Menschen im Erleben eines Sports beurteilen? Diese als „Eventies“ im oben verlinkten Artikel verunglimpften Fans haben Spaß an einem großen Spiel, an einer großen Saison eines Vereins. Sie gehen nicht den ganzen Weg mit, nein, aber sie haben sich ihr Ticket gekauft, stehen oder sitzen neben einem im Stadion und kauen auch an den Nägeln, wenn Bellinghausen die Sache mit den Flanken erneut probiert. Sie jubeln mit mir, falls es denn mal klappt. Sie finden das ganze Unterfangen in dem Moment genauso spannend wie ich. Will ich über mögliche Wechsel sprechen, drehe ich mich eben nach links zu meiner Begleitung und tausche mich da aus.

Mir mangelt es an diesem absoluten Überlegenheitsgefühl, andere abstempeln zu dürfen. Ich verfolge einen Verein auf diese Art, ein anderer nimmt es eben nicht so wichtig und kommt und geht. Erneut: Was daran sollte mich stören? Dass es in einem guten Jahr mehr Fans gibt? Dass der Verein mehr im Fokus steht? Das sind für den Verein – und wir sprechen hier doch immer noch über den Sport? – positive Faktoren! Ein vielköpfiges Kompliment, wenn man so will.

Diese Fans bringen dem Verein übrigens Geld. Sehr viel sogar. Das würde ich nicht ansprechen, wenn es nicht so viele „ganz richtige Fans“ gäbe, die beispielsweise mit ihren Pyro-Aktionen Monat für Monat ihrem so geliebten Verein zur bloßen Selbstdarstellung auf der Tasche liegen. Da ist mir der mitklatschende Herr hinten links lieber, bin ich ehrlich. Sie nehmen sich nichts heraus, nur die Tatsache, dass sie zu Oberligazeiten lieber am Rhein spazieren waren. Sollten sie mit dem Abstieg verschwinden, haben sie trotzdem ganz viele wahnsinnig tolle Momente in der ausverkauften Esprit Arena erlebt. Vielleicht sieht man sich ja wieder, wenn die Fortuna wieder oben ist. In der Mehrheit waren sie sowieso nie.

Was auch immer Anja und Tanja dazu bewegt, Samstagabend auf die Fanmeile zu gehen – wenn es ihnen zum Grund reicht, habe ich nichts in Frage zu stellen. Es gibt keinen „richtigen“ Fan. Es gibt viele Interessierte, die ihr Herz für immer oder nur für ein Jahr verschenken. Wieso sollte ich darüber urteilen? Warum sollten sie mich in meinen Kreisen stören? Wenn die Nachfrage besteht, eine Fanmeile zu öffnen, hat sich diese ganze Diskussion doch schon gegessen. Anja und Tanja wollen eine Fußballparty, wieso macht das das Leben der sich selbst als richtig einordnenden Fans so schwer? Der Fußball soll frei sein, frei bleiben.

Ich weiß, dass ich schon dreimal mehr Spiele gesehen habe als viele andere. Ich kenne mich mit den Regeln ziemlich gut aus und informiere mich täglich fünfmal, ob es Neuigkeiten gibt. Mein Geld verdiene ich sogar bei einer internationalen Fußball-Plattform. Ich bin drin – im Sport. Ich trage allerdings kein Polohemd mit Ultras-Symbolen, bin nicht jedes Wochenende im Stadion, weil ich in Berlin wohne, gehöre keiner Gruppierung an und tue mich manchmal schon mit der einen oder anderen Fankneipe schwer.

Was bin ich dann?

Written by laurareinkens

Mai 28, 2013 at 5:27 pm

Laura redet im Internet

leave a comment »

Unten findet Ihr die Links zu Hassans und meiner Sendung bei meinsportradio.de (inzwischen hatten ja einige nachgefragt). Einfach unter der Werbung („DOWNLOAD“ – „PLAY“) den zweiten, kleineren Download-Button anklicken – das war’s auch schon. Alle sieben Takes haben eine eigene Datei bekommen. Fragt mich bitte nicht, ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie all das funktioniert.

Für mich persönlich war es ein tolles Experiment, Podcast/Radio und Fußball zu kombinieren. Vor ewigen hundert Jahren habe ich einige Sendungen im Berliner Hipster-Radio mit Sternchen und Kirschen machen dürfen, was allerdings kaum weiterhalf in dem Moment, als Hassan mir via Skype Fragen zu Borussia Dortmund stellte. Das eine oder andere „Ähm“ sei mir verziehen, der Faden lockerte sich bisweilen oder verfranste gar. So oder so war es der Morgen nach dem Einzug des BVB ins Viertelfinale der Champions League. Punkt.

Im Vordergrund sollte der Fußball stehen – wie immer. Mit Hassan eine gute Stunde über das Revierderby quasseln zu dürfen, war eine wunderbare Sache. Wir schätzen uns sehr als Kollegen bei Goal.com und haben innerhalb des letzten dreiviertel Jahres den Horizont des anderen ein kleines Stückchen erweitert. Vielen Dank dafür!

Einige haben den Sendetermin ja mitbekommen und eingeschaltet, ich bedanke mich herzlich für das Feedback seit Mittwoch. Ob für mich das Radio funktioniert, kann ich nicht abschätzen. Gerne würde ich einmal ein längeres Gespräch wagen, das nicht durch die Form von außen bestimmt wird, sondern durch den Inhalt und das Aufkeimen einer Diskussion erst seine Umsetzung findet. Vielleicht mit Euch? Habt Ihr Ideen, die Ihr einmal umsetzen wollt? Aktuell bin ich für fast jeden Schabernack zu haben und würde mich über Input freuen.

Vielen Dank und viel Spaß bei Schalke-Dortmund am Samstag!

 

Take 1:

http://www.2shared.com/audio/iv39a6GF/Derby-Take1.html

Take 2:

http://www.2shared.com/audio/csc8VCql/Derby-Take2.html

Take 3:

http://www.2shared.com/audio/oN35e6VG/Derby-Take3.html

Take 4:

http://www.2shared.com/audio/gSu7vrWu/Derby-Take4.html

Take 5:

http://www.2shared.com/audio/MAiop-uJ/Derby-Take5.html

Take 6:

http://www.2shared.com/audio/mEA3Xs_R/Derby-Take6.html

Take 7:

http://www.2shared.com/audio/7fOFkwjI/Derby-Take7.html

 

 

Written by laurareinkens

März 7, 2013 at 7:04 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

Der Schnee, die Pfütze, die Fortuna

with 2 comments

Zu einer Uhrzeit, die erfunden wurde, um die Menschheit zu peinigen, stapfte ich heute in aller Frühe durch den Kreuzberger Teil Sibiriens zu dem Ort, der Brötchen und Orangensaft versprach. Gegen den Wind bog ich am Spielplatz um die Ecke in die Glogauer Straße, die Fäustlinge in den Jackentaschen, den Zettel mit der Aufschrift „Taschentücher“ fest umklammert. Nach wenigen Metern passierte es. Mit einem lauten, saftig-nassen, dumpfen Platscher trat ich in eine gut getarnte, unmöglich tiefe Schneematschpfütze. Ich rettete meinen versehrten Fuß aus dem kalten Übel und blickte ungläubig an mir hinunter. An meiner Strumpfhose klebte noch Matsch, das Lammfell im Inneren meiner Stiefelchen sog sich bereits mit dem grauen Eispamp voll. Das kreischend kalte Wasser lief mir den kaum geschützten Knöchel hinab unter die Fußsohle, die sich vor Reizüberfluss krümmte, mein kleiner Zeh, der in diesem Leben schon so viele Türrahmen überlebt hatte, verabschiedete sich in Windeseile.

Diese Ungeheuerlichkeit war wirklich passiert. Ich kramte meinen Fäustling aus der Tasche und wischte voll Trauer, Gänsehaut und Zorn die Pampe von meinen Beinen und schüttelte meinen Fuß. In diesem Moment dachte ich an Lumpi Lambertz, die Fortuna und siebzig Minuten voller Öde und Aufgeben, Unvermögen und Lustlosigkeit. Ich war Jens Langeneke im Publikum, der hinnehmen musste, was dort geschah, ich war Norbert Meier, der sah und hoffentlich erkannte, was ein Levels auf dem Platz bedeutete, ich war Axel Bellinghausen, der zwar neuerdings frisch blondiert, aber noch immer kein Fußballer war. Ein junger Mann kam mir entgegen und blickte mich mit hilfloser Geste ganz betroffen an, er hatte das Spiel wohl auch gesehen. Ich sah ihm noch einen Moment nach, er sah sich auch noch einmal um.

Im Singsang des krachenden Schnees und des mehr gefühlt als gehörten Quitschens um meine Zehen herum und unter der empfindlichen Sohle setzte ich meinen Weg fort. Mit trotzigem Blick erinnerte ich mich an die verheerenden Kurzpässe im eigenen Strafraum, die Machtlosigkeit und das bloße Pech Fabian Giefers. Augsburg hatte seine ersten drei Punkte in der Ferne ausgerechnet in Düsseldorf gesammelt und damit etwas ans Licht gebracht, was man in der schönsten Stadt am Rhein nicht wahrhaben wollte und auch heute vielleicht noch nicht verstanden hat: Das war Hochmut. Den Weihnachtsbraten noch in frischer Erinnerung hatten sich die Fortunaten auf einen lässigen Rückrundenstart eingestellt – gegen Augsburg. Augsburg! Augsburg mit den neun Punkten, ohne Auswärtssieg.

Es war eine einzige Folter, mitansehen zu müssen, wie Tobias Werner – ein von mir über alle Maßen geschätzter Spieler – sich seinen Gegenspieler Levels alle paar Minuten hernahm, weichkochte und von Szene zu Szene mit einer Prise Salz versah und einem kleinen Tupfer Mayonnaise garnierte, bevor er ihn verspeiste. Bodzek und Juanan hatten unterdessen das große Halligalli in der Innenverteidigung ausgerufen, dem sich Fink und Lumpi im defensiven Mittelfeld einfach mal anschlossen. Die wenigen Meter über die Mittellinie hinaus, die ihnen gestattet waren, nutzte Bello, um die Bälle loszuwerden als sei es Popcorn zwischen den Backenzähnen. Ken Ilsö verlor all seine skandinavische Ruhe und verhunzte jeden Freistoss, der den Fortunen glücklicherweise noch zugesprochen wurde. Robbie Kruse hatte nichts falsch gemacht. Nie. Reisinger hingegen lief mit dem Ball ins Aus oder gar nicht erst los.

Was hatten die Herren denn erwartet? Dass jetzt alles, was vor Beginn der Saison als Marschroute ausgegeben wurde, nicht mehr gilt? Dass ein klitzekleiner Medienhype genügt, um plötzlich bei den Großen mitzuspielen? Erst wird verteidigt, dann wird der Weg nach vorn gesucht. Das kann doch nur die Überlebenstaktik dieses Vereins sein. Dass nebenbei sieben Punkte in einer Woche gegen den HSV, in (!) Dortmund und gegen Hannover geholt wurden, sind und bleiben wunderschöne Momentaufnahmen – aber nicht mehr. Als ich an der Kasse stand, der hübschen Fatma die paar Münzen hinlegte und wieder hinaus in die Kälte schlich, wurde mir bewusst, dass schon diese Woche in Gladbach die ganze Welt wieder besser aussehen würde. Die Spieler werden vor Motivation nur so platzen, Balogun wird wieder hinten rechts auflaufen, Bolly wird für Bello starten, Tesche vielleicht von Anfang an (so absurd dies auch klingen mag). Die gestrigen letzten zwanzig Minuten plus Nachspielzeit werden hoffentlich von Beginn an durchgezogen.

Auf dem Rückweg machte ich einen betont großen Bogen um die Schneematschpfütze. Gerne hätte ich ihr eine lange Nase gezeigt, aber das ging nicht, der Fäustling war nass geworden, die Finger klamm. Schnell verkroch ich mich in die warme Wohnung, breitete die Einkäufe aus und biss schon einmal in die frische Schrippe. Der bittere Beigeschmack blieb: Fortuna Düsseldorf spielt nach 15 Jahren endlich wieder in der ersten Bundesliga und unterschätzt einen Gegner. Da war aber auch Hoffnung, dass das Spiel am Sonntag die einzige Schneematschpfütze bleiben würde und nach dem Pokalquatsch in Offenbach genau zur rechten Zeit kam.

Written by laurareinkens

Januar 21, 2013 at 4:14 pm