laurareinkens

Fußball.

Späti_Liebe

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Ich muss etwa 62 Meter von meiner Haustür bis zu meinem Späti laufen. 62 glorreiche Meter, die sich fast immer wie ein ganz kurzer Spaziergang anfühlen. Eine große Reklamewand lädt unterwegs zu staunend offenem Mund und gerunzelter Stirn ein. Wo nimmt Amazon dieses Bild eines für ihren Geschmack typischen Studenten her? Ponywelle von Justin Bieber, Skateboard und ein zu enger Pullover. Ich schaue wirklich jedes Mal hoch zu der jeweiligen Reklame und studiere sie auch beim 500. Anblick noch genau. Blinzle, stelle mir Fragen über Gehälter der jeweiligen Agentur-Angestellten, die dem Jungen die Haare komisch geföhnt und ihm ein Skateboard in die Hand gedrückt haben. Meistens rutscht mir dabei eine Flasche Sprudel – meiner sprachlichen Erziehung nach eine Limonade, die kaum gesüßt ist – halb aus dem Arm, abends sitzt ein kleines Bier fest in der Hand.

Auch an diesem nieselig-kalten Donnerstag ging ich vor der Heimkehr noch eben am Späti vorbei. Wieder wollte ich meinen Sprudel einsammeln und ein kleines Bierchen kaufen. Der Absacker war schnell gefunden, mit großen Augen ging ich hinüber zum Kühlschrank mit den diversen türkischen Wassersorten, Zuckerlimos und eben auch der von mir ganz besonders geschätzten Getränkesorte aus dem Hause Spreequell. Durch Zufall fiel mein Blick auf das Verfallsdatum. Zehn Tage drüber. Zehn Tage! Ich schaute mir die nächste Flasche dahinter an – zwei ganze Wochen. Ich räumte alle begutachteten Flaschen wieder rein und griff zur nicht so ganz gern getrunkenen, aber immerhin zweitliebsten Sorte. Ich erstarrte. Wir sprachen nicht mal mehr vom gleichen Monat. Flippste aus.

Ich gönnte dem Gemisch aus Wasser, Traubensaft, Holunder und wahrscheinlich einer Menge Bakterien, die inzwischen eine riesige Party feiern mussten, einen letzten abschätzigen Blick und drehte mich zum Chef an der Kasse um. Er schaute mich fragend an, weil er das große Rumräumen von Frau Kreuzberg offensichtlich nicht verstand. „Was suchst du?“ – „Eine Flasche, die in diesem Jahrhundert noch haltbar war“, antwortete ich halb scherzend, halb bestimmt. „Ja, du hast zu wenig davon gekauft in letzter Zeit. Ich kaufe die nur für dich.“ – „Nee, meinste ernst? Wieso trinkt das denn keiner? Ist doch das beste Alkoholfreie, das du hier im Laden hast.“ Er machte eine Geste, die verriet, dass er sich diesbezüglich offenbar nicht festlegen wollte. Versonnen strich er sich über seinen Bauch, auf dem alle Simpsons auf einer Achterbahn eindeutig richtig Spaß hatten. Mein Blick blieb kurz an seinem T-Shirt hängen, er schaute ebenfalls an sich nach unten und freute sich. Ich freute mich auch, hätte aber gerne mein Getränk gehabt.

Der Chef, in seinen guten Fünfzigern, groß gewachsen, unabhängig von den Simpsons recht jung geblieben, unterbrach unsere jeweiligen, stillen Gedanken und überraschte mich: „Kauf die doch, die sind doch noch gut.“ Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Auch sein Handlanger, der leider keine Sprache spricht, die ich verstehe, aber Deutsch oder Englisch ganz gut folgen kann, schaute verwundert auf. „Dir ist klar, dass du einen Euro mehr nimmst als der Supermarkt und das Traubenzeug dazu auch noch im Oktober abgelaufen ist.“ Ja, er nickte und verstand. „Dann nur das eine Bier für dich?“ Ja, nur das eine Bier. „Tschö, schönen Abend“ – „Jo, dir auch!“

Ich stapfte raus und schaute Amazon-Bieber mit Welle und glücklichem „Ick zahl nüschte für Prime“-Lächeln entgegen, zählte meine Schritte bis zur Haustür und fragte mich, wie die Leute irgendwann einmal ohne Spätis ausgekommen sind. Auch wenn die Schrippen nicht die besten sind, Lidl-Aufschnitt mit 200%-Aufschlag verkauft wird, steht da jemand im Großmarkt und denkt: „Der mit der Brille nehm ich noch den Sprudel mit.“ Das ist wahre Verbundenheit. „Kaufst du nicht sonst das Soft Pack?“ Ja, tue ich, vielen Dank. „Willst du zwei Schrippen mitnehmen? Die sind noch heiß!“ Ja, will ich, aber woher wusste er das, von dem mir nicht klar war, dass ich es genau jetzt brauche? Wir jammern über Fußball, wir lachen über die Teenager-Kiffer im Park. Vollidioten.

Das kann Bieber-Amazon nicht. Das können nur Leute aus dem Kiez, in deren Geschäft man morgens und nachts fällt, die einen seit mehr Jahren begleiten als eine Hand Finger hat. Und das alles tun sie, ohne wirklich Teil des eigenen Lebens zu sein. Das muss man erst einmal schaffen. Ich liebe meinen Späti.

Written by laurareinkens

November 28, 2013 at 8:31 pm

#WeidenfellerfürD – Ja, ernsthaft!

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Roman Weidenfeller wird erstmals für Deutschland spielen – ja, richtig, ich gehe ganz klar von einem Einsatz aus, dazu später mehr. Die Nominierung des 33-Jährigen für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien und England verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf Twitter. BVB-Fans feierten die überfällige Einladung, die Fans der anderen Vereine redeten diese Tatsache schnell klein. Man habe ja noch ter Stegen, Zieler und Adler. Da sei ja gar kein Platz für den Oldie aus Westfalen. Denkste! Lasst uns mal kurz zusammen nachdenken.

Wir nehmen einmal den Fall an, dass sich Manuel Neuer vorm Turnier verletzt – das wünschen wir keinem, nur ein Gedankenspiel (und Neuer andersherum nicht ganz fremd). Dann steht die deutsche Nationalmannschaft mit oben genannten Keepern da. Wen sollte Löw ins Tor stellen und wem noch einmal auf die Schulter klopfen vor Anpfiff? Sollte Manuel Neuer ausfallen, werden alle Karten der bestehenden Personalmöglichkeiten neu gemischt. Dann gilt nicht mehr die gegebene Hierarchie des ersten und zweiten Ersatzmannes. Dann braucht es Leistung auf den Punkt – im schlimmsten hier vorausgesetzten Verletzungsfall für ein gesamtes Turnier.

Mit Roman Weidenfeller könnte sich die Chance bieten, dass ein Torwart zwischen den Pfosten steht, der nicht nur durch endlose Jahre als Profi seine Erfahrungen gesammelt hat, er hat gerade in den letzten Jahren einen derartigen Schub bekommen, dass es kaum auszuhalten ist. Was hat er allein in den vergangenen Champions-League-Saisons schon für Borussia Dortmund rausgeholt. Man erinnere sich nur an die ersten 15 Minuten im Bernabeu im Halbfinale gegen Real Madrid. Es war zum Niederknien! Von den Ligaspielen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Dass er die Klasse hat, für Deutschland jederzeit spielen zu können, dürfte bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik inzwischen bekannt sein. Für Löw bietet sich zusätzlich die Möglichkeit, mit einer Nominierung und sogar mit etwaigen Einsätzen später kein Fass aufzumachen. Manuel Neuer ist unangefochten die Nummer Eins. Das will ja niemand ins Wanken bringen. Hier stellt sich die Frage, wer im Notfall ein guter Ersatz wäre und nicht sofort an Neuer rütteln möchte. Dafür dürfte Weidenfeller mit seinen bescheidenen Aussagen in Bezug auf die Nationalmannschaft einfach genau der Typ sein.

Es sei „sein Traum“, sagte er 2011 im Interview mit dem Kicker. Aber das Kapitel sei für ihn beendet. Er forderte nichts, er hoffte wahrscheinlich insgeheim und nun ist es plötzlich doch so weit. Jetzt wurde das Kapitel von außen aufgeschlagen. Dabei sein dürfte für ihn aber alles sein. Ein Highlight, das er neben all den anderen Glorien wohl gerne mitnehmen wird, und danach wie selbstverständlich wieder den Platz räumen würde.

Die Fußballfans im In- und Ausland amüsierten sich auch letzte Saison über „den besten Torhüter der Welt, der nicht für sein Land spielt“, als zum Finale der Champions League der globale mediale Fokus in den letzten Tagen vorm entscheidenden Spiel nur noch auf München und Dortmund gerichtet war. Weidenfeller nahm es gelassen. Finale der Champions League. In Wembley. Gegen die Freinde aus München. Was will ein Torhüter denn mehr? Das sind Punkte, die sich einfach sensationell im Lebenslauf lesen. Welche anderen unserer Ersatzkeeper können in letzter Zeit oder überhaupt (!) solche Spielzeiten mit solch massivem Druck vorweisen?

Eben.

Und wenn er in Punktspielen nicht zum Einsatz käme? Als ob Weidenfeller den Mund aufreißen würde! Das macht seine Ausgangslage ja gerade so einmalig. Weidenfeller geht noch einmal auf Tour, kann sofort aushelfen, falls er gebraucht wird und lässt den anderen ohne Murren den Vortritt, wenn ihr Name weiter oben steht.

Jetzt, diesen November, sollte er allerdings mindestens eine Halbzeit, wenn nicht gar ein ganzes Spiel zum Einsatz kommen. Ob nun gegen Italien oder England – die Höflichkeit und der Respekt vor seinen herausragenden Spielen vor dieser späten ersten Nominierung im Herbst seiner Karriere verlangen dies einfach. Ich bin mir sicher, dass Löw & Co. das genauso betrachten.

Persönlich wünsche ich ihm das Spiel gegen England am 19. November in London. Flutlicht, Regen, Kälte, Rooney, Hinschmeißen, Raushauen, Rumbrüllen. Menschenskinder, das wäre doch was!

Written by laurareinkens

November 8, 2013 at 12:16 pm

Kontrollen beim Auswärtsspiel in Leverkusen – Vereinsliebe bis unter den BH

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Am Sonntagmorgen zeigten sich in den sozialen Medien einige Hannover-Fans entrüstet über die Kontrollen an der BayArena zum Spiel Bayer Leverkusen gegen Hannover 96. Weiblichen Gästefans sei direkt und ohne Vorankündigung unter den BH gefasst worden, andere berichteten, dass ihnen in den Schritt gegriffen wurde. Auf Nachfrage sei die Erklärung „wegen Pyro“ gekommen, wie bei Twitter und später im Mailaustausch erklärt wurde.

Auch Frauke, 21, war zum Auswärtsspiel der Hannoveraner nach Leverkusen gereist und fand sich zunächst im ganz normalen Gästefans-Alltag wieder. „Die Kontrollen dauerten lange, sodass ich mich zunächst anstellen musste, um kontrolliert zu werden“, erklärte sie mir am Tag darauf. „Als ich schließlich an der Reihe war, erfolgte das übliche Prozedere. Tasche öffnen, Inhalt herausnehmen, Portemonnaie öffnen, Inhalt der Fächer zeigen. Auch die Schlüssel und das Handy wurden genau begutachtet.“

„Anschließend begann das Abtasten. Erst die Arme, dann der Oberkörper. Üblicherweise tasten die Ordnerinnen dabei nur die Konturen des Körpers ab; in Leverkusen ging man diesmal noch einen Schritt weiter“, fuhr Frauke fort. „Bevor ich wusste, wie mir geschah, griff die Ordnerin ohne Vorwarnung an der Stelle des Mittelstegs – also zwischen den Brüsten – unter den BH und tastete auch den Rest des Unterbrustbands genau ab.“

„Ich war nicht wirklich überrascht“, resümierte sie später. „Man kennt die strengen Kontrollen für Gästefans; vor drei Jahren mussten die Frankfurterinnen sich vorm selben Stadion in eigens errichteten Zelten sogar fast komplett entblößen. Dennoch geht die BH-Kontrolle aus meiner Sicht einen Schritt zu weit. Es gibt kaum ein unangenehmeres Gefühl, als sich von Fremden an den intimsten Stellen des Körpers abtasten zu lassen – und das alles nur, weil vermutet wird, dass irgendjemand Aufkleber oder Pyrotechnik mit ins Stadion schmuggeln könnte.“

„Anschließend wurden Bauch, Rücken, Beine, sogar die Gesäßtaschen von vorne und hinten abgetastet. Kaum eine Stelle meines Körpers wurde dabei ausgelassen. Später im Block erfuhr ich, dass auch die BHs anderer Frauen kontrolliert worden waren“, schloss Frauke.

Eine 21-Jährige will Hannover 96 im Stadion anfeuern und wird nach eigenen Angaben bis unter den BH gefilzt. Eigentlich eine Unvorstellbarkeit, die auch Ralf Ziewer, Sicherheits- und Stadionverbotsbeauftragter von Bayer Leverkusen, so in keinster Weise stehen lassen will. Auf meine Mailanfrage von Sonntagvormittag bekam ich bereits am Montagmittag eine klare Antwort: Man habe „alle in diesem Bereich eingesetzten Ordnerinnen und Führungskräfte mit den Vorwürfen konfrontiert“ und weise sie – „insbesondere nach Rücksprache mit den 3 weiblichen Mitarbeiterinnen“ – ganz „entschieden zurück.“

Auch den Absatz der nachvollziehbaren Stellungnahme schickte Herr Ziewer direkt mit: „Zur Einlassphase hatte Herr ….. die Personenkontrolle unter Beobachtung und im direkten Umfeld kam es zu keinerlei Beschwerden oder Klagen diesbezüglich. Die Ausführung einer Personenkontrolle erfolgt immer mit einer deutlichen Anweisung, wie z.B.: ‚Schönen guten Tag, ich führe eine Personenkontrolle durch, könnten Sie bitte Ihre Jacke öffnen.‘

Es wird kein Gast ungefragt oder unsittlich angefasst, besteht der akute Verdacht unzulässiger oder verbotener Gegenstände, ermöglicht der Container im [sic!] Gast eine Leibesvisitation, die aber auch nur mit einer Zustimmung durchgeführt werden kann.“

So weit sind die Regeln bekannt. Bezüglich der akuten Vorwürfe findet sich die folgende Aussage:

„Dass weibliche Gäste in den Schritt gefasst werden, kann höchsten beim Abtasten der Oberschenkel/Beine Innen&Aussen durch eine kurze unabsichtliche Berührung mit dem Handrücken erklärt werden, eine Kontrolle des Büstenhalter oder Brust wird nicht durchgeführt.“

Die Aussagen der betroffenen Fans stehen im Widerspruch zu den Aussagen des Sicherheitsbeauftragten. Frauke ist sich jedenfalls sicher: „Als Fußballfan steht man unter Generalverdacht und muss, wenn man denn ins Stadion möchte, anscheinend jede Art der Kontrolle über sich ergehen lassen.“

Written by laurareinkens

September 30, 2013 at 2:41 pm

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Premier League kämpft gegen Homophobie – mit Schnürsenkeln

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„Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich einem Spieler noch nicht guten Gewissens zu einem öffentlichen Coming-Out raten.“ Das sagte Reinhard Rauball Ende Juli gegenüber der SportBild. Oliver Kahn schlug vor etwa einer Woche gegenüber der Gala in die gleiche Kerbe: Zwar sei Homosexualität an sich inzwischen „keine große Sache mehr“ – puh, Glück gehabt – „aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist. Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans.“

Mit einer Kanzlerin, die sich beim Gedanken an ein glückliches schwules Pärchen mit einem oder gleich mehreren Adoptivkindern „nicht so ganz wohlfühlt“ und großen Persönlichkeiten im Sport, die die Sache mit der offenen Homosexualität im Profifußball nun auch nicht so ganz sehen, fragt man sich, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Einen tollen Einfall hatten nun eine Aktivisten-Gruppe aus England und ein Wettanbieter, um dem Thema die Öffentlichkeit zu geben, die es verdient.

Stonewall, eine Gruppe, die sich seit 1989 in England für LGBT-Rechte einsetzt, hat sich mit Wettanbieter Paddy Power zusammengetan, um an diesem Wochenende ein Zeichen zu setzen! Durch die Kampagne „Right Behind Gay Footballers“ (#RBGF) soll die allgemeine Akzeptanz für schwule Fußballer bei den Fans, den Vereinen und in der Gesellschaft allgemein gefördert werden. Ein Hashtag lässt sich schwer auf den Rasen bringen, daher haben Stonewall und Paddy Power Schnürsenkel entworfen, die im eindeutigen Regenbogen-Design daherkommen.

Diese Schnürsenkel wurden an alle 134 Klubs in UK und damit an mehr als 5000 Fußballer geschickt, um ein Zeichen zu setzen, dass Homophobie in ihrem Sport keinen Platz haben darf. Everton hat sich als erster Verein zurückgemeldet und angekündigt, dass sie die Rainbow Laces am Samstagnachmittag bei West Ham tragen werden. Paddy Power wirbt inzwischen sogar mit tollen Aussagen von Jagielka & Co. Ein Beispiel:

rainbow

Quelle: @paddypower

Der Sprecher von Paddy Power sagte zur Aktion: „We love football but it needs a kick up the arse. In most other areas of life people can be open about their sexuality and it’s time for football to take a stand and show players it doesn’t matter what team they play for. Fans can show they are right behind this by simply tweeting using the #RBGF hashtag whilst all players have to do is lace up this weekend to help set an example in world sport.“

Auch Joey Barton hat bereits Bilder von sich und seinen Rainbow Laces getwittert, Gary Lineker wird beschnürsenkelt Match Of The Day moderieren. Welche Vereine sich – vielleicht sogar geschlossen – an der Kampagne beteiligen werden, wird der nun kommende Spieltag zeigen. In jedem Fall bleibt die Hoffnung, dass #RBGF den Erfolg haben wird, der sich glücklicherweise schon abzeichnet, und ein ähnliches Format vielleicht auch bald die Rauballs und Kahns davon überzeugen kann, dass es nicht die Gesellschaft ist, die Homosexualität im Fußball nicht annimmt, sondern etwaig Leute wie sie, die durch immer neue negative Aussagen das Rad der Zeit zurück und zurück drehen.

Stonewall Deputy Chief Executive Laura Doughty erklärt ihr Ziel: „It’s time for football clubs and players to step up and make a visible stand against homophobia in our national game. That’s why we’re working with Paddy Power on this fun and simple campaign. By wearing rainbow laces players will send a message of support to gay players and can begin to drag football in to the 21st century.“

Drag football in to the 21st century!

#RBGF

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September 19, 2013 at 12:32 pm

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„Fortuna in der Krise“? – Don’t f°cking panic!

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Ein Fortuna-Fan kam in die Uschi Nation in Kreuzberg und sagte zur gespannt dem Spiel folgenden Meute: „Wat macht ihr denn für Gesichter? Ihr guckt ja, als würden wir zehn zu null hinten liegen.“ Er brüllte laut „Fortunaaaa“, niemand antwortete „Düüüüsseldoorf“. Es waren ein paar Minuten gespielt, es stand 0:0.

Die Fortuna ging in Führung, es wurde lauter, es wurde gejubelt, aber wirklich getraut hat niemand der anwesenden Havelpralinen dem Braten. Auch wir kauten büskisch auf unseren Kaugummis rum, verschlangen die Biere. Das konnte so nicht gut gehen. Es ging nicht gut. Keine zehn Minuten vor Schluss kassierten die Fortunaten den Ausgleich von absolut limitiert auftretenden Dresdnern. Das war es. Gegen den Tabellenletzten keine drei Punkte gesichert. Gut ist anders.

Was allerdings die farbenfrohe Presse am nächsten Tag daraus gemacht hat, geht nun wirklich auf keine Kuhhaut. „Düsseldorf in Not“, „Wackelt Büskens“ und wie sie nicht alle titelten.

Freunde und Kollegen, macht mal einen Punkt!

Wir sprechen von einem Verein, der nicht nur einen direkten Abstieg aus der ersten Liga hinnehmen musste, Fortuna hat sich außerdem vom eingesessenen Trainer getrennt, die Verletzungsmisere hat dazu geführt, dass auf so vielen Positionen notgedrungen gewechselt wurde, dass Büskens bisher nur reagieren musste, kaum agieren konnte.

Genauer formuliert: Wer die Abwehrreihe jede Woche neu aufstellen muss, weil sich Spieler XY verletzt, kann nicht gleichzeitig eine komplett neue Doppelsechs bringen. Auch wenn hier gegen Dresden reagiert wurde und Bodze raus musste – was ich persönlich nicht nachvollziehen kann – und Lumpi vom Flügel neben Fink wechselte. Will man dann zum Beispiel wirklich einen knallfrischen Spieler reinschmeißen, der zuvor kaum Erfahrungen mit der ersten Mannschaft sammeln durfte? Sollte nicht zuerst einmal ein Rhythmus gefunden werden?

Zumal auch vorne nach der Verletzung von Benschop und zuletzt auch noch Kenia erneut reagiert werden musste und Jimmy Hoffer neben Aristide Bancé gegen Dynamo im Sturm auflief. Gianniotas ist bereits durch die zwei Verletzungen von Bellinghausen aktuell fest drin und zeigt, wie man Flanken schlägt und Standards schießt (Halleluja!). Reisinger, das kleine Duracell-Häschen, schlägt Alarm und versucht nimmermüde das Spiel schnell zu machen. Kann man ihm Alleingänge vorwerfen? Ja, wahrscheinlich schon. Da er aber im Vergleich zu ein paar anderen Kandidaten einen guten Abschluss hat, soll er es nach meinem persönlichen Empfinden ruhig probieren. Kann er, wie aktuell zeitweise positionsabhängig gezwungen, den tödlichen Pass spielen? Nein, kann er nicht. Deswegen würde ich aber noch lange nicht auf ihn verzichten wollen.

Bleibt es bei dieser Aufstellung (inklusive Bodzek statt Lumpi, da man ihn wegen ein paar doofen Spielen nicht vergnarzen sollte) und tauscht Bancé gegen Kenia, der auf eine frei interpretierte Zehn geht, sehe ich eine Aufstellung im annähernden 4-2-3-1, die vollkommen funktionieren kann. Voraussetzung für mich ist allerdings, dass das gähnende Kreativloch im Mittelfeld gestopft wird. Gerade Gianniotas und Kenia bieten dem Trainer ein Geschick am Ball, das nun in eingebrannte Spielabläufe übergehen muss. Ich möchte in den nächsten Wochen erkennen, dass ein festes System, eine feste Taktik eingeimpft wird, dass die Spieler wissen, wohin sie wollen, wenn der Ball gewonnen wird. Klingt beinahe kindisch simpel, oder? Wer jedes Fortuna-Spiel schaut, weiß aber, wovon ich spreche.

Den ganz großen Kopf dieser Mannschaft gibt es nicht. Es gibt keinen, dem ich spontan das Prädikat Spielgestalter aufdrücken würde. Dennoch bin ich felsenfest überzeugt, dass bis ins Letzte eingeimpfte Spielzüge der Mannschaft helfen, das Versagen in der gezwungenen Spontaneität zu umgehen.

Stürmer kaufen, damit wieder Tore reinkommen, ist in Fortunas Fall meinem Empfinden nach zu kurz gedacht. Tore müssen durch geordneten Aufbau vorbereitet werden. Dann klappt’s auch mit den Nachbarn, was aktuell den Tabellenkeller bedeutet.

Jetzt allerdings schon die große Panik zu schieben, wäre wirklich verfrüht. Es sind fünf Punkte auf den Relegationsplatz, der diese Saison nicht einmal als Ziel ausgegeben wurde. Schafft Büskens es nun, eine Taktik zu finden, mit der Fortuna zu mehr Abschlüssen und Treffern kommt, wird sich die Lage nicht nur kurzfristig entspannen. Eine Aufbausaison im sicheren Mittelfeld wird dem Verein die Ruhe geben, zur Spielzeit 2014/15 einen adäquaten Werner-Nachfolger zu finden, der haargenau erkennt, auf welchen Positionen nachgebessert werden muss. Klammer auf: Dass man bei einem Schmadtke hätte nachfragen sollen, auch wenn WW noch ein Jahr Vertrag hat, liegt auf der Hand. Diesen ganzen Bereich sollten wir aber lieber beim Bier besprechen. Klammer zu.

Also Mike, auf geht’s! Die Aufgabe ist groß, aber mit den Voraussetzungen im Kader machbar. Triff die unpopuläre Entscheidung und setze Bello und Lumpi auf die Bank, zeig den Jungs, wo das Tor steht und wer überhaupt treffen soll. Hat das Mittelfeld nur erst einen Plan, wird F95 kaum wiederzuerkennen sein.

In ein paar Wochen soll die Uschi beben, wenn nur irgendjemand „Fortuuunaaa“ brüllt.

Thank you for choosing Deutsche Bahn – Obwohl Sie es doch besser wissen müssten!

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Berlin, Alexanderplatz. Gegen 16 Uhr wollte ich mir eine Fahrkarte für die Strecke von Baden-Baden nach Berlin kaufen. Nein, eigentlich wollte ich nicht. Eigentlich hatte ich mir bereits vor Monaten geschworen, diesem Verein nie wieder Geld in den Rachen zu schmeißen.

 

Ich stolperte in das Reisezentrum, das auf den ersten Blick immer mehr Schalter verspricht, als es eigentlich besitzt, und stellte mich zunächst einem Lemming gleich bei brütender Hitze in die elegant durch das gesamte Zentrum geschwungene Schlange. Nach drei Sekunden kam mir das erste Mal „Jeder nur ein Kreuz“ in den Sinn. Nach sechs Sekunden suchte ich nach den Fahrkarten-Automaten vor dem Reisezentrum und wurde fündig, ein Mann rannte gerade überhastet davon.

 

„Glück muss man haben“, dachte ich und so sollte es beginnen. Fahrt ausgewählt, wieder obszöne Schimpfwörter in mich hinein brüllend, weil heutzutage Preise um 150 Euro für eine Fahrt mit Umstieg als „Sparpreis“ verkauft werden, Platz reserviert – Ruhezone oder Fenster, Ruhezone oder Fenster… Fenster – und meine Scheinchen wanderten in den Automaten, der daraufhin kein Wechselgeld und eine Vielzahl bis zur Unkenntlichkeit verschmierter Belege ausspie. „Am Arsch Poppes!“ Mein Blick muss diese Gedanken verraten haben. Hinter mir sagte ein mittelaltes Pärchen in mütterlichem Ton: „Oh, eine Störung! Ach, das tut uns aber leid!“ Ja, mir auch, vielen Dank!

 

Automatennummer notiert, schwerstens innerlich im Quadrat springend ging ich also an der gesamten Schlange vorbei (Kein einziger Einspruch! Was hatten sie inwischen mit den Leuten angestellt?) zum gerade frei werdenden Schalter und erklärte das Übel kurz. Was tat die Dame daraufhin? Sie entzifferte die Infos auf den Reservierungskarten und schrieb sie mir mit Kuli hinten auf das Ticket. „Dit müssen Se wissen. Mehr nisch. Dann noch nen schönen Tach.“ Ich war leicht verwundert. „… und was ist mit dem Wechselgeld, das der Automat gegessen hat? Und so eine Fahrkarte nimmt irgendein Kontrolleur an?“ – „Wie? Wat’n für’n Wechseljeld?“ Ich erklärte die Situation also erneut und bekam daraufhin einen Rückerstattungsantrag in die Hand gedrückt. „Dit wird ausjefüllt und so.“ Und so. Ich füllte es also aus und bemerkte, man könne ja ein Schild an den Automaten heften, damit nicht jeder reinkommt und das Prozedre über sich ergehen lassen muss. „Nönö.“

 

Ich bekam mein Wechselgeld tatsächlich ausgezahlt – etwa eine halbe Stunde später – und durfte mit meinen verschmierten Fahrscheinen zurück hinaus ins Leben. Die nächsten betuppten Kunden stürmten bereits erzürnt das Reisezentrum. Bei meiner finalen Verabschiedung versuchte ich es erneut: „Das muss ja nur ein kleiner Post-it sein.“ – „Welcher is’n dit?“ – „Der da hinten“, sagte ich und zeigte wie ein kleines Kind in die Ferne. Die Dame bewegte ihren Kopf ein Stück weit in die Richtung und schien die Entfernung abzuschätzen. „Nönö.“

 

Thank you for choosing Deutsche Bahn.

Written by laurareinkens

August 15, 2013 at 4:16 pm

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Das Joch der Schubladen – Eine Fahrt von Berlin nach Potsdam

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In meiner knappen Dekade Berlin musste ich etwa drei Jahre zwischen Kreuzberg und Potsdam pendeln. Mit der S1 vom Anhalter Bahnhof raus zum Wannsee, vorbei am an der Freien Uni leidenden Dahlem und einer Menge Bäume. Was macht der überarbeitete Städter besonders gern? Er geht im Gatten. Wer seinen Garten nicht vor oder hinter dem Haus hat, mietet eben einen Schrebergarten am Rande des Stadtbereichs, um dort Würstchen verkohlen zu lassen oder Hertha-Fahnen mit einem schwungvollen „Jawoll“ zu hissen. Zugegeben – das ist schon alles sehr „deutsch“. Auch die Häuschen auf den kleinen Parzellen sind sehr urig bis traditionell. Kleine Fachwerkhäuschen reihen sich in kleinen Gärtchen von nur ein paar Quadratmetern entlang der S-Bahn-Strecke raus nach Potsdam.

Der Anblick ist wahnsinnig erholsam für die Augen. In dieser umwerfenden (oft genug im physischen Sinne) Großstadt kann sich das Auge des Betrachters am kleinen Detail festhalten: den braunen Balken in der weiß getünchten Fassade, die kleine Holzbank neben der fein verzierten Holztür hinter dem kleinen Feld, das Tomaten oder Erdbeeren beherbergt. Ein Anblick wie ein tiefer Seufzer. Reih und Glied, Grundstück neben Grundstück. Fein säuberlich gestutzte Hecken und ein paar alte Bäume verstreut. Kirschen, Äpfel, all das hängt herab auf die kleinen Waben der spießigen Glückseligkeit. Auf dem Dach oder vor dem Haus wehen Fahnen, die die Herkunft der Mieter verraten – oder eben die Wahl des Fußballvereins. Deutschland oder direkt die Hertha, vereinzelt die Türkei, Italien, mal ein Spanier. Besitze ich selbst einen Gatten? Gott bewahre, aber die oberflächliche Betrachtung macht Laune.

Ich tuckerte also mehr als zwei Jahre sehr oft an den Kleingartenanlagen direkt neben den Schienen her. Teilweise quetscht sich die Gartenwut sogar noch zwischen Schienen und Avus. Ein willkommener Anblick voll kleinkarierter Romantik, der oft genug den Touristen nicht entgeht. Die Besucher unserer Hauptstadt sind in den allermeisten Fällen mit der Schrebergartenkunst vertraut, knipsen schnell ein paar Schnappschüsse von Fähnchen und akkuraten Beeten auf engstem Raum und sehen sich wahrscheinlich hie und da in ihren nicht unbedingt negativ besetzten Vorurteilen gegenüber Deutschen bestätigt.

Eines Tages teilte ich mir den Vierersitz in der S-Bahn mit einer Runde rüstiger Briten. Die Damen trugen kokette Hütchen mit farbenfrohem Blumendruck auf den Hutbändern. Die Münder very british geschürzt. Weiße Handschühchen und ein flottes Freizeitkostüm rundeten die Outfits ab. Der sie begleitende Herr, ebenfalls schon in den guten Sechzigern, trug etwas legerere Bermudashorts zu Socken und Sandalen, das kurzärmlige Hemd penibel aufgebügelt. Die S-Bahn nahm ihren Weg, wir näherten uns dem Wochenendstolz vieler Berliner.

„Oh my goodness“, rief eine der beiden Damen plötzlich ganz ergriffen aus. Betroffen wie sie war, griff sie nach dem Arm ihrer Freundin. Die Köpfe reckten sich, entsetzt starrten unsere Freunde aus dem United Kingdom aus dem Fenster. „Are those the Berlin slums?“

Die… Slums?

Ich vergrub mein Gesicht im Kicker und hörte, wie Kameras bemüht wurden, um die hässliche Fratze der deutschen Armut für die Daheimgebliebenen festzuhalten. Lachen? Weinen? Was wäre die richtige Emotion, um einer solchen Fehlinterpretation zu begegnen? Ich schaute einfach hinaus auf die blütenweißen Fachwerkhäuschen und die im Wind wehenden Fahnen.

Das ist also Deutschland. Ein Land, in dem die Slums in hübsche, kleine Parzellen unterteilt und die Kieswege ordentlich eingefasst sind, der Grill vor dem Haus steht und eine Tischdecke auf dem Tisch neben dem Häuschen liegt. Blumen, Beete, Bäume. Hier leben die Menschen, die im Deutschland dieser Zeit, das stark von einem sich stets beschleunigenden Auseinanderdriften von Arm und Reich geprägt ist, über Bord gegangen sind. Zwischen Hyazinthen und Brombeeren wird der heiße Scheiß gedealt. Die letzte Waffenlieferung ist gestern um exakt 16.30 Uhr bei Udo in Parzelle 231 eingetroffen. Das schnelle Vergnügen für erstaunlich wenig Geld findet man bei Erika oder Gisela hinten auf dem Tulpenweg – Knick-Knack. Sind das die Slums von Berlin? Ist das Deutschland?

Ist Deutschland die Summe aller Alltagserfahrungen, die wir in unserem Land machen? Ist Deutschland das Bild der Besucher, das sie hinaustragen in ihre eigene Heimat? Werden unsere Schrebergärten in 1000 Jahren als typisch deutsche Favelas gehandelt, weil Misses XY aus XY, UK diese Fabel in einem Urlaubsvideo festgehalten hat? Können wir dankbar sein, dass unser Land als derart reich gilt, dass die Besucher Deutschlands glauben, unsere Ärmsten würden zunächst einmal schauen, ob der Rasen an allen Ecken der bewachsenen Fläche auch dieselbe Höhe hat?

Auch viele Jahre nach dieser kleinen Episode finde ich noch keinen passenden Raum in mir, in dem ich diese Erfahrung abspeichern kann. Zwischen bemitleidenswerter Naivität und peinlicher Berührung, was im Ausland als „deutsch“ gilt, schwanke ich jedes Mal, wenn sich meine Erinnerung zurück zu dieser S-Bahn-Fahrt verirrt. Kein Mensch kann sich gewisser Schubladen erwehren. Der menschliche Geist funktioniert nicht ohne ein Grundmodell, das auf Wahrheit oder Lüge hin überprüft und verbessert wird. Aber in welchen Schubladen liegt unser Land? Als was gilt Deutschland heute?

Welche Vielzahl von Schubladen liegen noch für uns parat? Natürlich hält uns nicht jeder im Ausland für Nazis. Nicht jeder glaubt, dass wir uns auf die Schenkel klatschen und uns im Alltag in Lederhosen und Dirndl präsentieren – bundesweit. Aber im Einzelfall betrachtet, glaubten diese Briten, dass wenn wir Deutschen schon in Slums ziehen müssen, sie sicherlich einen kleinen weißen Zierzaun, eine Fahne und einen Gartenzwerg haben. Typical German eben.

Was hätten die drei rüstigen Briten wohl erst gesagt, wenn sie beim Hertha-Spiel in der Ostkurve des Olympiastadions gestanden, in Richtung Marathontor geblickt und hinter sich die Fans „Sieg! Sieg!“ brüllen gehört hätten? Oh my goodness! Hätten sie auch dafür noch eine Schublade bereit gehabt, die im schlimmsten Fall nichts mit dem eigentlichen Fußballvergnügen zu tun gehabt hätte? Können wir Deutschen irgendwann die von Massen für uns bereiteten Schubladen zerschlagen und zeigen, dass wir mehr als die Pünktlichkeit, die gewissenhafte Arbeit, der Reichtum und die Nazivergangenheit sind?

Written by laurareinkens

August 11, 2013 at 6:12 pm