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„Fortuna in der Krise“? – Don’t f°cking panic!

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Ein Fortuna-Fan kam in die Uschi Nation in Kreuzberg und sagte zur gespannt dem Spiel folgenden Meute: „Wat macht ihr denn für Gesichter? Ihr guckt ja, als würden wir zehn zu null hinten liegen.“ Er brüllte laut „Fortunaaaa“, niemand antwortete „Düüüüsseldoorf“. Es waren ein paar Minuten gespielt, es stand 0:0.

Die Fortuna ging in Führung, es wurde lauter, es wurde gejubelt, aber wirklich getraut hat niemand der anwesenden Havelpralinen dem Braten. Auch wir kauten büskisch auf unseren Kaugummis rum, verschlangen die Biere. Das konnte so nicht gut gehen. Es ging nicht gut. Keine zehn Minuten vor Schluss kassierten die Fortunaten den Ausgleich von absolut limitiert auftretenden Dresdnern. Das war es. Gegen den Tabellenletzten keine drei Punkte gesichert. Gut ist anders.

Was allerdings die farbenfrohe Presse am nächsten Tag daraus gemacht hat, geht nun wirklich auf keine Kuhhaut. „Düsseldorf in Not“, „Wackelt Büskens“ und wie sie nicht alle titelten.

Freunde und Kollegen, macht mal einen Punkt!

Wir sprechen von einem Verein, der nicht nur einen direkten Abstieg aus der ersten Liga hinnehmen musste, Fortuna hat sich außerdem vom eingesessenen Trainer getrennt, die Verletzungsmisere hat dazu geführt, dass auf so vielen Positionen notgedrungen gewechselt wurde, dass Büskens bisher nur reagieren musste, kaum agieren konnte.

Genauer formuliert: Wer die Abwehrreihe jede Woche neu aufstellen muss, weil sich Spieler XY verletzt, kann nicht gleichzeitig eine komplett neue Doppelsechs bringen. Auch wenn hier gegen Dresden reagiert wurde und Bodze raus musste – was ich persönlich nicht nachvollziehen kann – und Lumpi vom Flügel neben Fink wechselte. Will man dann zum Beispiel wirklich einen knallfrischen Spieler reinschmeißen, der zuvor kaum Erfahrungen mit der ersten Mannschaft sammeln durfte? Sollte nicht zuerst einmal ein Rhythmus gefunden werden?

Zumal auch vorne nach der Verletzung von Benschop und zuletzt auch noch Kenia erneut reagiert werden musste und Jimmy Hoffer neben Aristide Bancé gegen Dynamo im Sturm auflief. Gianniotas ist bereits durch die zwei Verletzungen von Bellinghausen aktuell fest drin und zeigt, wie man Flanken schlägt und Standards schießt (Halleluja!). Reisinger, das kleine Duracell-Häschen, schlägt Alarm und versucht nimmermüde das Spiel schnell zu machen. Kann man ihm Alleingänge vorwerfen? Ja, wahrscheinlich schon. Da er aber im Vergleich zu ein paar anderen Kandidaten einen guten Abschluss hat, soll er es nach meinem persönlichen Empfinden ruhig probieren. Kann er, wie aktuell zeitweise positionsabhängig gezwungen, den tödlichen Pass spielen? Nein, kann er nicht. Deswegen würde ich aber noch lange nicht auf ihn verzichten wollen.

Bleibt es bei dieser Aufstellung (inklusive Bodzek statt Lumpi, da man ihn wegen ein paar doofen Spielen nicht vergnarzen sollte) und tauscht Bancé gegen Kenia, der auf eine frei interpretierte Zehn geht, sehe ich eine Aufstellung im annähernden 4-2-3-1, die vollkommen funktionieren kann. Voraussetzung für mich ist allerdings, dass das gähnende Kreativloch im Mittelfeld gestopft wird. Gerade Gianniotas und Kenia bieten dem Trainer ein Geschick am Ball, das nun in eingebrannte Spielabläufe übergehen muss. Ich möchte in den nächsten Wochen erkennen, dass ein festes System, eine feste Taktik eingeimpft wird, dass die Spieler wissen, wohin sie wollen, wenn der Ball gewonnen wird. Klingt beinahe kindisch simpel, oder? Wer jedes Fortuna-Spiel schaut, weiß aber, wovon ich spreche.

Den ganz großen Kopf dieser Mannschaft gibt es nicht. Es gibt keinen, dem ich spontan das Prädikat Spielgestalter aufdrücken würde. Dennoch bin ich felsenfest überzeugt, dass bis ins Letzte eingeimpfte Spielzüge der Mannschaft helfen, das Versagen in der gezwungenen Spontaneität zu umgehen.

Stürmer kaufen, damit wieder Tore reinkommen, ist in Fortunas Fall meinem Empfinden nach zu kurz gedacht. Tore müssen durch geordneten Aufbau vorbereitet werden. Dann klappt’s auch mit den Nachbarn, was aktuell den Tabellenkeller bedeutet.

Jetzt allerdings schon die große Panik zu schieben, wäre wirklich verfrüht. Es sind fünf Punkte auf den Relegationsplatz, der diese Saison nicht einmal als Ziel ausgegeben wurde. Schafft Büskens es nun, eine Taktik zu finden, mit der Fortuna zu mehr Abschlüssen und Treffern kommt, wird sich die Lage nicht nur kurzfristig entspannen. Eine Aufbausaison im sicheren Mittelfeld wird dem Verein die Ruhe geben, zur Spielzeit 2014/15 einen adäquaten Werner-Nachfolger zu finden, der haargenau erkennt, auf welchen Positionen nachgebessert werden muss. Klammer auf: Dass man bei einem Schmadtke hätte nachfragen sollen, auch wenn WW noch ein Jahr Vertrag hat, liegt auf der Hand. Diesen ganzen Bereich sollten wir aber lieber beim Bier besprechen. Klammer zu.

Also Mike, auf geht’s! Die Aufgabe ist groß, aber mit den Voraussetzungen im Kader machbar. Triff die unpopuläre Entscheidung und setze Bello und Lumpi auf die Bank, zeig den Jungs, wo das Tor steht und wer überhaupt treffen soll. Hat das Mittelfeld nur erst einen Plan, wird F95 kaum wiederzuerkennen sein.

In ein paar Wochen soll die Uschi beben, wenn nur irgendjemand „Fortuuunaaa“ brüllt.

Ein vielköpfiges Kompliment – So lasset sie doch feiern!

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Heute habe ich einen neuen Begriff gelernt: „Anjas und Tanjas“. Mir wurde verkauft, so würden junge Frauen genannt, die zu einem Fußballspiel oder einer Übertragung mit „Eventcharakter“ gehen. Und scheinbar dürfen sie das nicht, weil es Leute gibt, die sich für bessere Fans halten.

Wir lassen den ganzen Bereich der dringendst zu erwähnenden sexistischen Kackscheiße jetzt mal außen vor und behandeln das Thema so, als wären Anja und Tanja zwei Personen und kein Schlagwort. Es gibt also Leute, die sich zu Turnieren oder wie jüngst zum Champions-League-Finale aufmachen, ein bisschen rot-weiß oder schwarz-gelb anmalen und den Abend lustig gestimmt mit vielen anderen verbringen wollen. Dabei werden sie ein paar Biere trinken, rumgrölen, singen und im Bestfall am Ende jubeln. Schock, schwere Not! Oder sie leben in einer Stadt, deren Verein nach 15 Jahren Erstilga-Abstinenz den Weg in die 1. Bundesliga gemeistert hat, hängen ein Fähnchen raus und gehen mal ins Stadion. Um Himmels Willen!

Warum sollte es mich berühren? Warum sollte ich mich derart echauffieren, dass ich einen langen Blogartikel unter Anderem dazu verfasse? Wenn es zum ersten rein deutschen Finale der Champions League in Berlin eine Fanmeile gibt, sollen sie doch. Dann kann man sich sicher sein, dass Anja und Tanja ein wenig viel für ihr Bier zahlen müssen, aber die große Sause bekommen sie bestimmt geboten. Für mich ist das nichts, aber das muss es ja auch nicht. Jeder darf den Fußball auf die Art und so oft erleben, wie er oder sie es für sich für richtig hält.

Abstrakter gefragt: Warum sollte ich einen anderen Menschen im Erleben eines Sports beurteilen? Diese als „Eventies“ im oben verlinkten Artikel verunglimpften Fans haben Spaß an einem großen Spiel, an einer großen Saison eines Vereins. Sie gehen nicht den ganzen Weg mit, nein, aber sie haben sich ihr Ticket gekauft, stehen oder sitzen neben einem im Stadion und kauen auch an den Nägeln, wenn Bellinghausen die Sache mit den Flanken erneut probiert. Sie jubeln mit mir, falls es denn mal klappt. Sie finden das ganze Unterfangen in dem Moment genauso spannend wie ich. Will ich über mögliche Wechsel sprechen, drehe ich mich eben nach links zu meiner Begleitung und tausche mich da aus.

Mir mangelt es an diesem absoluten Überlegenheitsgefühl, andere abstempeln zu dürfen. Ich verfolge einen Verein auf diese Art, ein anderer nimmt es eben nicht so wichtig und kommt und geht. Erneut: Was daran sollte mich stören? Dass es in einem guten Jahr mehr Fans gibt? Dass der Verein mehr im Fokus steht? Das sind für den Verein – und wir sprechen hier doch immer noch über den Sport? – positive Faktoren! Ein vielköpfiges Kompliment, wenn man so will.

Diese Fans bringen dem Verein übrigens Geld. Sehr viel sogar. Das würde ich nicht ansprechen, wenn es nicht so viele „ganz richtige Fans“ gäbe, die beispielsweise mit ihren Pyro-Aktionen Monat für Monat ihrem so geliebten Verein zur bloßen Selbstdarstellung auf der Tasche liegen. Da ist mir der mitklatschende Herr hinten links lieber, bin ich ehrlich. Sie nehmen sich nichts heraus, nur die Tatsache, dass sie zu Oberligazeiten lieber am Rhein spazieren waren. Sollten sie mit dem Abstieg verschwinden, haben sie trotzdem ganz viele wahnsinnig tolle Momente in der ausverkauften Esprit Arena erlebt. Vielleicht sieht man sich ja wieder, wenn die Fortuna wieder oben ist. In der Mehrheit waren sie sowieso nie.

Was auch immer Anja und Tanja dazu bewegt, Samstagabend auf die Fanmeile zu gehen – wenn es ihnen zum Grund reicht, habe ich nichts in Frage zu stellen. Es gibt keinen „richtigen“ Fan. Es gibt viele Interessierte, die ihr Herz für immer oder nur für ein Jahr verschenken. Wieso sollte ich darüber urteilen? Warum sollten sie mich in meinen Kreisen stören? Wenn die Nachfrage besteht, eine Fanmeile zu öffnen, hat sich diese ganze Diskussion doch schon gegessen. Anja und Tanja wollen eine Fußballparty, wieso macht das das Leben der sich selbst als richtig einordnenden Fans so schwer? Der Fußball soll frei sein, frei bleiben.

Ich weiß, dass ich schon dreimal mehr Spiele gesehen habe als viele andere. Ich kenne mich mit den Regeln ziemlich gut aus und informiere mich täglich fünfmal, ob es Neuigkeiten gibt. Mein Geld verdiene ich sogar bei einer internationalen Fußball-Plattform. Ich bin drin – im Sport. Ich trage allerdings kein Polohemd mit Ultras-Symbolen, bin nicht jedes Wochenende im Stadion, weil ich in Berlin wohne, gehöre keiner Gruppierung an und tue mich manchmal schon mit der einen oder anderen Fankneipe schwer.

Was bin ich dann?

Written by laurareinkens

Mai 28, 2013 at 5:27 pm

Der Schnee, die Pfütze, die Fortuna

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Zu einer Uhrzeit, die erfunden wurde, um die Menschheit zu peinigen, stapfte ich heute in aller Frühe durch den Kreuzberger Teil Sibiriens zu dem Ort, der Brötchen und Orangensaft versprach. Gegen den Wind bog ich am Spielplatz um die Ecke in die Glogauer Straße, die Fäustlinge in den Jackentaschen, den Zettel mit der Aufschrift „Taschentücher“ fest umklammert. Nach wenigen Metern passierte es. Mit einem lauten, saftig-nassen, dumpfen Platscher trat ich in eine gut getarnte, unmöglich tiefe Schneematschpfütze. Ich rettete meinen versehrten Fuß aus dem kalten Übel und blickte ungläubig an mir hinunter. An meiner Strumpfhose klebte noch Matsch, das Lammfell im Inneren meiner Stiefelchen sog sich bereits mit dem grauen Eispamp voll. Das kreischend kalte Wasser lief mir den kaum geschützten Knöchel hinab unter die Fußsohle, die sich vor Reizüberfluss krümmte, mein kleiner Zeh, der in diesem Leben schon so viele Türrahmen überlebt hatte, verabschiedete sich in Windeseile.

Diese Ungeheuerlichkeit war wirklich passiert. Ich kramte meinen Fäustling aus der Tasche und wischte voll Trauer, Gänsehaut und Zorn die Pampe von meinen Beinen und schüttelte meinen Fuß. In diesem Moment dachte ich an Lumpi Lambertz, die Fortuna und siebzig Minuten voller Öde und Aufgeben, Unvermögen und Lustlosigkeit. Ich war Jens Langeneke im Publikum, der hinnehmen musste, was dort geschah, ich war Norbert Meier, der sah und hoffentlich erkannte, was ein Levels auf dem Platz bedeutete, ich war Axel Bellinghausen, der zwar neuerdings frisch blondiert, aber noch immer kein Fußballer war. Ein junger Mann kam mir entgegen und blickte mich mit hilfloser Geste ganz betroffen an, er hatte das Spiel wohl auch gesehen. Ich sah ihm noch einen Moment nach, er sah sich auch noch einmal um.

Im Singsang des krachenden Schnees und des mehr gefühlt als gehörten Quitschens um meine Zehen herum und unter der empfindlichen Sohle setzte ich meinen Weg fort. Mit trotzigem Blick erinnerte ich mich an die verheerenden Kurzpässe im eigenen Strafraum, die Machtlosigkeit und das bloße Pech Fabian Giefers. Augsburg hatte seine ersten drei Punkte in der Ferne ausgerechnet in Düsseldorf gesammelt und damit etwas ans Licht gebracht, was man in der schönsten Stadt am Rhein nicht wahrhaben wollte und auch heute vielleicht noch nicht verstanden hat: Das war Hochmut. Den Weihnachtsbraten noch in frischer Erinnerung hatten sich die Fortunaten auf einen lässigen Rückrundenstart eingestellt – gegen Augsburg. Augsburg! Augsburg mit den neun Punkten, ohne Auswärtssieg.

Es war eine einzige Folter, mitansehen zu müssen, wie Tobias Werner – ein von mir über alle Maßen geschätzter Spieler – sich seinen Gegenspieler Levels alle paar Minuten hernahm, weichkochte und von Szene zu Szene mit einer Prise Salz versah und einem kleinen Tupfer Mayonnaise garnierte, bevor er ihn verspeiste. Bodzek und Juanan hatten unterdessen das große Halligalli in der Innenverteidigung ausgerufen, dem sich Fink und Lumpi im defensiven Mittelfeld einfach mal anschlossen. Die wenigen Meter über die Mittellinie hinaus, die ihnen gestattet waren, nutzte Bello, um die Bälle loszuwerden als sei es Popcorn zwischen den Backenzähnen. Ken Ilsö verlor all seine skandinavische Ruhe und verhunzte jeden Freistoss, der den Fortunen glücklicherweise noch zugesprochen wurde. Robbie Kruse hatte nichts falsch gemacht. Nie. Reisinger hingegen lief mit dem Ball ins Aus oder gar nicht erst los.

Was hatten die Herren denn erwartet? Dass jetzt alles, was vor Beginn der Saison als Marschroute ausgegeben wurde, nicht mehr gilt? Dass ein klitzekleiner Medienhype genügt, um plötzlich bei den Großen mitzuspielen? Erst wird verteidigt, dann wird der Weg nach vorn gesucht. Das kann doch nur die Überlebenstaktik dieses Vereins sein. Dass nebenbei sieben Punkte in einer Woche gegen den HSV, in (!) Dortmund und gegen Hannover geholt wurden, sind und bleiben wunderschöne Momentaufnahmen – aber nicht mehr. Als ich an der Kasse stand, der hübschen Fatma die paar Münzen hinlegte und wieder hinaus in die Kälte schlich, wurde mir bewusst, dass schon diese Woche in Gladbach die ganze Welt wieder besser aussehen würde. Die Spieler werden vor Motivation nur so platzen, Balogun wird wieder hinten rechts auflaufen, Bolly wird für Bello starten, Tesche vielleicht von Anfang an (so absurd dies auch klingen mag). Die gestrigen letzten zwanzig Minuten plus Nachspielzeit werden hoffentlich von Beginn an durchgezogen.

Auf dem Rückweg machte ich einen betont großen Bogen um die Schneematschpfütze. Gerne hätte ich ihr eine lange Nase gezeigt, aber das ging nicht, der Fäustling war nass geworden, die Finger klamm. Schnell verkroch ich mich in die warme Wohnung, breitete die Einkäufe aus und biss schon einmal in die frische Schrippe. Der bittere Beigeschmack blieb: Fortuna Düsseldorf spielt nach 15 Jahren endlich wieder in der ersten Bundesliga und unterschätzt einen Gegner. Da war aber auch Hoffnung, dass das Spiel am Sonntag die einzige Schneematschpfütze bleiben würde und nach dem Pokalquatsch in Offenbach genau zur rechten Zeit kam.

Written by laurareinkens

Januar 21, 2013 at 4:14 pm