laurareinkens

Fußball.

Posts Tagged ‘Laura halt

Distanz, bitte!

with 3 comments

Am Sonntag schlurfte ich am Edel-Spätkauf auf der Reichenberger vorbei und winkte dem Besitzer des Ladens, der sich scheinbar fürchterlich freute, mich an diesem grauen Tag zu sehen (ich war unanständig bunt angezogen). In Rededistanz vor seiner Tür fragte er nach dem dumm-dusseligen Austausch von Wünschen zum neuen Jahr: „Junge Frau (mein gängiger Spitzname), hast du ein Aspirin dabei?“ – „Hm. Muss ich mal gucken.“ Nase, Brille und schließlich auch die Augen kämpften sich am monströsen Schal vorbei. Ich blickte in meine Tasche, schüttelte allerhand Kram von rechts nach links. „Nee, tut mir leid, aber so Tabletten für die Nebenhöhlen. Hilft das?“ – „Nein, ich hab nur Kopfschmerzen.“ – „Naja, trink mal ein großes Glas Wasser, das hilft ja manchmal auch schon.“ – „Mach ich, mach ich. Tschüss!“ – „Tschö!“

Diese Situation verfolgte mich noch bis zum Schawarma-Laden. Ein Mann, der sich höchstens mal mit mir über lächerliche Kicker-Titel austauscht, mir meine Zigaretten nur verkauft, wenn ich in der Uschi bin, würde einfach so Medikamente von mir annehmen. Gut, klar, ein angelutschtes Aspirin hätte er wohl nicht genommen, dennoch bewunderte ich sein Vertrauen. Auf mein Makali wartend wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen. „Wohnst du hier in der Nähe?“, fragte mich der Schawarma-Verkäufer betont beiläufig, als ginge es um die ewige „Alles komplett“-Frage. Ich schob die Unterlippe vor.

Seit nunmehr hundertdrölfzig Monaten kaufte ich ihm Schawarma, Falafel, Makali, Kibbe und den ganzen Rest ab, lungerte zu unsäglichen Zeiten mit flehendem Blick in seiner Lokalität herum, bis ich endlich mit Gemüse und Zitronensprudel gesegnet nach Hause trotten durfte, und er fragte mich, ob ich in der Nähe wohne. Bei allem Respekt – in den nächsten Bezirk würde ich für sein Schawarma nicht fahren. Aber das war nicht mein eigentliches Problem in dieser Situation. Ein mehr oder weniger fremder Mann fragte mich, wo ich wohne.

Ich würde kein Aspirin aus einer fremden Handtasche annehmen. Ich erzähle einem fremden Mann, der dem ersten Anschein nach dreieinhalb Mal so stark ist wie ich, nicht, wo ich wohne. Ich hob also den Finger und machte undeutliche Gesten in drei Richtungen gleichzeitig. „Ja, da so.“ Dann guckte ich schnell wieder aus dem Fenster hinüber zum Mini-Spar, der an diesem Sonntag geöffnet hatte, obwohl keiner wusste, warum sie sich das antaten. „Ah.“ bekam ich als Antwort. Ich nickte in die Ferne und horchte, ob er schon beim Rollen der kleinen Gemüseköstlichkeit war.

Mit Sprudel und Makali in der Tasche zottelte ich nach Hause, zog die Mütze tief in die Stirn und ärgerte mich über die gesamte Situation. Eben weil ich seit so langer Zeit Schawarma, Falafel, Makali, Kibbe und/oder den ganzen Rest bei ihm kaufte, zu unsäglichen Zeiten mit flehendem Blick vor seiner Theke stand, um glücklich mit Zauberessen wiederbelebt zu werden, wollte er nur ein einziges Mal mehr als „Vorsicht, scharfe Sauce heute extra scharf“ autauschen. Und was mache ich Trottelchen?

Ich fürchte um mein Leben.

Beim nächsten Mal wird alles anders. Ich schmeiße jedem nur halbwegs Bekannten ein Asprin entgegen, werde fremde Menschen um Lutschbonbons oder das Benutzen ihres Deo-Rollers bitten und dann kommt mein großer Auftritt. Ich werde einen Dreikombiteller beim Schawarma-Mann mit Allem bestellen, sodass er bestimmt zehn Minuten zu tun hat, und dann, liebe Freunde, werde ich mal ganz genau fragen, wo er herkommt, wo er wohnt, ob er Tee- oder Kaffeetrinker ist und alles, was sonst noch unwichtig bis wichtig ist. „Bist du verheiratet? Ach, freut mich. Fand sie dich auch gleich toll? Seid ihr zum ersten Date ins Kino gegangen? Magst du eigentlich Horrorfilme? Ich finde nur langsame Zombies gruselig, du auch?“

Auch wenn er es einfach nur nett meinte, ich kann das einfach nicht.

Written by laurareinkens

Januar 8, 2014 at 5:00 pm