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Falsche Schubladen in Berlin

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Oder: Hulk hat einen Po.

„Guten Morgen! Ach, Sie sind es. Schön, dass wir mal wieder miteinander fahren“, begrüßte mich die Taxifahrerin um kurz vor 10. „Wieder Charlottenburg?“ Ja. Wieder Charlottenburg. Warum ich eigentlich nicht mehr bei dem großen Verlag arbeite, wollte sie wissen. Ich hatte keinerlei Interesse an Details und sagte nur, dass ich jetzt bei einem tollen Startup tätig sein dürfe.

Wir drehten unsere Runde um den Theodor-Heuss-Platz. Sie starrte auf die nasse Straße, ich auf die Sonne in den Blättern und die gleichmütig schlurfenden Senioren vorm Kaiser’s. „Sie wollen über die Kantstraße fahren, richtig?“ Richtig. Danke.

„Wissen Sie eigentlich, dass ich Sie zu Hause immer zitiere?“ Die Fahrerin schaute in den Rückspiegel. Verdattert blickte ich zurück und versuchte die gemeinsamen Gespräche bei unseren zwei Fahrten im Sommer und einer sprachlosen Kurzstrecke vor einigen Wochen – mehr fielen mir nicht ein – thematisch einzuordnen. Fußball? Sekt? Ben Stiller vs Steve Carell? Zu welchen Themen sollte man mich denn überhaupt zitieren?

„Sie wissen ja, meine Tochter… Jetzt studiert sie nicht mehr Latein, jetzt studiert sie Religion und Kunst. Aber die Unterhaltungen mit Ihnen haben mir gezeigt, dass Themen, die einen bewegen, viel wichtiger sind, als bloß auf Karriere zu gehen. Und Sie scheinen mir ja auch sehr erfolgreich zu sein“, erklärte die Dame, deren Name mir leider nicht geläufig ist. Also… Fußball? Sekt? Ich war aufgeschmissen. Erfolgreich? Bezeichnet sich wirklich irgendjemand so? Zlatan Ibrahimovic vielleicht.

„Nunja“, setzte ich an und errechnete kurz, dass wir keine fünf Minuten Fahrt mehr vor uns hatten. „Kunst und Theologie sind zwei wunderbare Studienfächer. Beide bieten die Auseinandersetzung mit dem Selbst und seinem Platz in der Welt. Ich für meinen Teil habe ja Religionswissenschaft studiert und diesen Weg der Theologen beobachtet. Wenn sich Ihre Tochter damit wohlfühlt, ist das doch ganz große Klasse.“

Schweigen. Was habe ich getan? Wer ist diese Tochter, irgendwas Anfang 20, die sich beim abendlichen Tomatenbrot Geschichten einer Unbekannten anhören muss? Was projiziert diese Taxifahrerin auf mich? In jedem Fall schien sie froh, dass wir darüber gesprochen hatten. Vergnügt bog sie in die Straße zu meinem Arbeitsplatz ein.

Ich gab ihr angemessenes Trinkgeld, sie lächelte. „Dann hoffentlich auf bald“, flötete sie mir hinterher. „Viele Grüße an Ihre Tochter“, verabschiedete ich mich. Auch wenn sie mir gerade indirekt ein großes Kompliment gemacht hatte, was so gar nicht in diese Stadt passt und nicht zwischen Fremden in dieser Stadt gängig ausgetauscht wird, war mir die Sache nicht geheuer.

Ich hätte ihr erzählen können, dass ich gerade auch ein paar Sachen mit mir herumschleppe. Dass ein Blick auf mich nicht reicht, um mich zu erklären. Dass ein oder zwei Gespräche mit mir nicht genügen, um den Lebensweg einer mir fremden Tochter zu billigen.

Aber diese Mutter braucht mich als Instrument für die Sorge um ihre Tochter. Das soll es wert sein, mich in eine nicht ganz korrekte Schublade zu stecken.

Wir haben keine Zeit für die korrekte Schublade.

Wir haben keine Zeit, mit Michael über die Abbildbarkeit des Pos von Hulk zu sprechen. Wir haben keine Zeit für das eine Telefonat, das das Herz entspannen könnte. Wir haben doch nicht einmal Zeit für die ganzen Pfandflaschen im Flur.

So schaffen wir uns unsere Bilder, die uns weiterrennen lassen. Abgehakt, weiter im Text. Ein Fahrgast reicht.

Unsere Töchter werden einmal erfolgreich sein.

Hulk hat einen Po.

Irgendwann werde ich diese Nummer wählen.

Written by laurareinkens

Februar 24, 2015 at 11:41 am